Integrale Kommunikation in einem Hörsaal

Ich gebe seit über zwanzig Jahren eine Vorlesung an einer der besten Hochschulen der Welt. Nur dass ich sie nicht gebe, sondern sie empfange und es auch keine Vorlesung ist, sondern ein Experiment und eine Erfahrung, wie Kommunikation zwischen Menschen gelingen kann. Das läuft folgendermassen ab:

Zu Anfang fordere ich die Studierenden auf, sich ihre Ohren zu massieren. Für Leute, die zu spät kommen und dieses Ritual noch nicht kennen, wirkt das einigermassen skurril. Sie platzen dann in eine «Vorlesung» und sehen als erstes zwei bis drei Dutzend Kommilitonen, die sich die Ohren kneten, inklusive eines Dozenten, der mit derselben Tätigkeit beschäftigt ist.

Dieses Massageritual zögert den Moment hinaus, in dem ich etwas sagen muss. Beziehungsweise es stimmt auf ihn ein. Denn um Einstimmung im wahrsten Sinne des Wortes geht es.

Wenn ich dann den Mund aufmache, weiss ich nicht was rauskommt. Ich folge in diesem Moment meiner Intuition. Ich habe keine bestimmte Absicht. Will nichts Bestimmtes lehren, sondern stehe einfach mit meinem Wissen und meiner Erfahrung da, um sie zu teilen. Was geteilt wird, wie es geteilt und wie es mitgeteilt wird überlasse ich dem Augenblick.

„Kommunikation stammt aus dem Lateinischen communicareund bedeutet teilen, mitteilen, teilhaben lassen, gemeinsam machen, vereinigen.“ (wikipedia). Normalerweise geht das Mitteilen von einem Sender aus und trifft den Empfänger. Der Sender verfolgt dabei ein Ziel, will eine Botschaft rüberbringen. Normalerweise scheitert dieses Unterfangen, zumindest ist das meine Überzeugung nach vierzig Jahren professioneller Kommunikationsarbeit. Der Grund für dieses Scheitern liegt kurz gesagt darin, dass auf diese Weise nichts wirklich geteilt wird. Es wird etwas rübergeschoben, so wie man ein Paket über den Tisch schiebt. Das genügt jedoch nicht und bewirkt nichts – mit Ausnahme von simplen Informationspaketen wie «bei der nächsten Kreuzung links abbiegen». Deshalb verfolge ich in meiner Vorlesung, die keine ist, einen anderen Ansatz. Dieser Ansatz ist eine Mischung aus zwei Erfahrungsbereichen, die ich «Flow» und «Resonanz» nenne. Wie sieht das konkret aus? 

Wie ein Freund von mir einmal treffend bemerkte: „Im Fluss sein kann man nur, wenn man den Boden unter den Füssen verliert.“ Bildlich gesprochen steige ich nach der Ohrenmassage nackt in diesen Fluss, stosse mich ab vom Ufer und lasse mich treiben. Und meistens legen meine Zuhörerinnen und Zuhörer nach einiger Zeit ebenfalls ihre schützenden Hüllen ab und gleiten ins Wasser. Dann treiben wir gemeinsam mit der Strömung. Diese Strömung ist der uns umspülende Bewusstseinsstrom. Was dabei auftaucht bestimmen wir gemeinsam, nicht ich allein. Dabei findet spürbar eine Öffnung statt, sowohl bei mir als auch bei einer Mehrheit der Studierenden. Es erscheinen dabei zum Teil sehr persönliche Erfahrungen; aber indem sie auftauchen verlieren sie ein Stück weit ihre Intimität und fliessen einfach ein, in das Miteinander-Reden und sich Einander-Zeigen.

Nach 15 Jahren Schulzeit, das heisst nach 15 Jahren Erdulden dieses epischen Wissenstransfers wirkt das Eintauchen in den Bewusstseinsstrom ungemein entspannend. Es ist die Erfahrung, dass wir als Menscheneinander etwas zu sagen haben, unabhängig von unserem Wissen. Etwas kommt dabei in Schwingung und diese Schwingung nehmen wir wahr. An uns selbst und an den anderen. Wenn das passiert entsteht ein Klang, wie derjenige eines Orchesters. Und wie bei einem Orchester muss weder das Piano noch die Trompete recht haben, sondern alle Instrumente geben ihres, um einen runden, schwingenden Klangkörper zu schaffen. So läuft das auch in dieser Vorlesung. Die Studenten und ich machen die Erfahrung, dass wir miteinander kommunizieren können und dass dadurch etwas in Bewegung kommt. Das ist ganz grundlegend, aber für viele, die hier im Hörsaal sitzen, ist es das erste Mal, dass sie ein solches Kommunikationserlebnis haben.

Es ist eine schlichte Erfahrung, die wir da machen. Eine aussergewöhnliche Erfahrung an einer Hochschule, aber eine wertvolle. Und sie mündet in die schlichte Erkenntnis, dass wir als Menschen einander etwas zu sagen haben. Dass wir füreinander bedeutungsvoll sind. Erst jetzt, wenn wir uns in diesem Bewusstseinsstrom treiben lassen, kann ich mein Wissen und meine Erfahrungen teilen. Erst jetzt bekommen sie eine Bedeutung und nur wenn sie eine Bedeutung haben, können sie wirken.

Ich wollte als Junge immer Dirigent werden. Aber damals habe ich mir das als machtvolle Position vorgestellt. Und so ist es nicht. Wenn die Musik erst einmal spielt, ist es einfach ein Entspannen, in dem was da an Schwingungen und Tönen auftaucht. Und es so geniessen und sein lassen, stimmig wie es ist.

Der Vorlesungstitel heisst «Integrale Umweltkommunikation». Die Vorlesung, die keine ist, findet jeweils im Herbstsemester an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich statt.

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