Lebendigkeit statt Glück

Lebendigkeit statt Glück

Ich werde diesen Text mit der Feststellung beenden, dass wir dem Leben vertrauen können. «Alles ist gut.», werden meine drei Schlussworte sein. «Aber ist es das? Meine ich das wirklich ernst?»

Weltpolitisch erleben wir gerade ein Erdbeben der Stärke 8 auf der nach oben offenen Richterskala. China dirigiert mit seiner neuen Seidenstrasse rund 60% der Weltbevölkerung und 35% des Welthandels. Russland besetzt die Krim, marschiert in der Ostukraine ein, beherrscht Belarus und möchte die baltischen Staaten besetzen. Die USA wollen Grönland übernehmen, beginnen einen Wirtschaftskrieg mit Kanada, Mexiko und Europa, deportieren die Menschen aus Gaza und «Illegale» aus den USA und berauben so Millionen von Menschen ihres Zuhauses.

Aus Sicht der Ökologie ist gerade das zweitgrösste Artensterben in der Geschichte unseres Planeten in Gang. Parallel dazu überschreitet die Erderwärmung kritische Werte, was zu Dürren, Bränden, Überschwemmungen und demzufolge zu Hungersnöten, Massenmigration und dem Absterben ganzer Lebensräume zu Land und zu Wasser führt. 

Gesellschaftlich regredieren grosse Teile der Weltbevölkerung und ziehen sich auf ethnozentrische Bewusstseinsstrukturen zurück. Egal ob im hinduistisch-nationalistisch regierten Indien oder im libertären Argentinien, in dem die Kettensäge zum Regierungsmodell erhoben wird; egal ob in Ungarn, wo es keine Gewaltentrennung mehr gibt, oder in Venezuela, wo eine linke Diktatur die Macht übernommen hat – überall stehen Menschen mit einem holistischen, integralen oder grünen Bewusstsein mit dem Rücken zum Abgrund. 

Die Silberstreifen am Horizont sind verschwunden. Die Hoffnung auf eine fairere Welt, in der Einzigartigkeit und Verschiedenheit wertgeschätzt werden, hat sich aufgelöst. Für Menschen wie mich fühlt sich die aktuelle Bewegung der Menschheit an wie ein Rückfall ins Mittelalter. Und da stellt sich die Frage. können spirituelle Erfahrungen in dieser Situation weiterhelfen?

Die Kraft bedingungsloser Liebe

Ich habe schon verschiedenartige, mystische Erfahrungen gemacht, in japanischen Klöstern, in Meditationsretreats oder ganz einfach im Wald oder auf einer Bergtour. Aber vor drei Jahren war ich mit einem Freund im Engadin am Inn und erlebte etwas, das mich tief bewegt hat. Das möchte ich mit euch teilen:

«Ich stehe mit beiden Füssen fest und sicher in einem Schneefeld neben dem Fluss. Dann bemerke ich, wie alles ins Fliessen kommt. Das Wasser fliesst, von hier bis in die Donau und dann ins Schwarze Meer – alles ist miteinander verbunden, denke ich. Und plötzlich kommen auch die Strahlen der Sonne ins Fliessen, sind nicht mehr wie scharfe, gerade Strahlen, sondern wie Wellen, die sich über diese Landschaft und mich ergiessen. Auch der Himmel beginnt aus dem Oben ins Unten zu fliessen, die Luft strömt in den Fluss. Und auch der Schnee ist plötzlich nicht mehr so fest, sondern wird weich und wellig und schliesst sich dem Strom an, der an mir vorbeizieht.

Als nächstes löst sich mein Körper auf und kommt ebenfalls ins Fliessen. Die Grenzen zwischen Körper und Schneewelt werden durchlässig. Was noch vor einem Augenblick ich selbst war, verschwindet und fliesst mit. Alles ist nur noch Strom. Alles fliesst jetzt.

Und plötzlich wird mir glasklar, dass alles zusammenhängt. Und plötzlich ist klar, wie alles zusammenhängt, wie das alles miteinander verbunden ist. Ich staune: Das Eine, das alles verbindet ist Liebe. Das spüre ich klar und deutlich. Liebe, die in unendlicher Kraft alles verbindet und es weiterfliessen lässt. Diese Liebe steckt in jeder Welle, in jedem Strahl, in jeder Zelle. Für mich ist das in diesem Moment vollkommen einleuchtend und unzweifelhaft. Es ist Liebe, die alles lenkt und es zugleich in vollkommener Freiheit lässt.

Diese Liebe hat eine so grosse Wucht, dass es mir den Atem verschlägt. Ich wanke einen Moment. Dass ich wanke, spüre ich nicht. Ich spüre mich überhaupt nicht mehr. Ich bin als Ego im Fliessen verschwunden. Aber es ist völlig unzweifelhaft, dass diese Liebe unendlich mächtig und kraftvoll ist. Stärker als tausend Sonnen. Millionen Mal grösser als alles, was der Mensch je geschaffen hat. Unfassbar kreativ und fantasievoll in jedem Augenblick. Sie hält die ganze Welt am Laufen, sie steuert alle Entwicklungen, sie hält auch den Kosmos und das alles geschieht ohne Mühe, ohne die geringste Anstrengung, spielerisch als wäre es ein Leichtes. All das sickert durch mich hindurch, innert Sekunden, oder sind es Stunden oder Ewigkeiten – unerheblich.»

Das war meine Erfahrung am Inn; zutiefste Verbundenheit, bedingungslose Liebe und ein vollkommenes Auflösen des Egos. Ich habe jetzt drei Jahre gebraucht, um diese Erfahrung zu verdauen und zu integrieren und spreche erst seit kurzem öffentlich darüber, weil ich glaube, dass diese Erfahrung helfen kann, mit dem was gerade in der Welt geschieht in Frieden zu kommen.

After the ecstasy the laundry

Diese tiefe Erfahrung stellte alles auf den Kopf, was ich von der Wirklichkeit zu wissen glaubte. Sie zu integrieren bedeutete Arbeit. Und ich bin einem halben Dutzend Menschen sehr dankbar, die mir auf diesem Weg geholfen haben. Alleine hätte ich es nicht gekonnt.

Jetzt, drei Jahre später kann ich ein paar Schlussfolgerungen ziehen aufgrund dieser und weiterer Erfahrungen, die folgten.

  1. Solche Erfahrungen lassen sich nicht machen. Sie sind ein Geschenk. Sie kommen zu einem, wenn man die eigenen Grenzen überschreitet, oft in existenziellen Krisensituationen, in denen man alles loslassen muss; zum Beispiel, wenn ein liebgewonnener Mensch oder ein eigenes Kind stirbt, oder bei einer Trennung nach einer intensiven Liebesbeziehung, oder bei einem Unfall oder einer Nahtoderfahrung.
  2. Es hilft, wenn während und nach einer solchen Erfahrung eine vertrauensvolle Verbindung zu einem anderen Menschen besteht. In dieser Verbindung einen ersten Halt zu finden ist ungeheuer wertvoll. Und auch später braucht es eine Gemeinschaft, in der solche Erfahrungen gehalten werden. Einer allein ist damit überfordert.
  3. Meist gibt es nach einer solchen tiefgreifenden Erfahrung kein Zurück mehr. Die Erfahrung ist dermassen überzeugend, wirklicher als alles Wirkliche, dass sie sich weder verleugnen noch diskutieren lässt. Anders gesagt: Das nun offene Herz schliesst sich nicht mehr; es bleibt offen, es bleibt durchlässig und ist zutiefst berührbar.

Ich möchte aber auch ein paar Missverständnisse ausräumen hier:

  1. Bedingungslose, universelle Liebe zu erfahren, bedeutet nicht, fortan in einer Liebeswolke zu schweben. Ich habe die Liebe als unendlich mächtige Kraft erfahren. Diese Kraft verursacht die gesamte Fülle der Schöpfung; zu ihr gehört aber ebenso die ungeheure Wucht der Zerstörung. Innigkeit mit einem anderen Menschen gehört ebenso zu dieser Liebe, wie Zurückweisung und tiefe Verletztheit. Tod gehört zum Wesen dieser Liebe ebenso wie überbordende Lebendigkeit. Diese Art Liebe sagt: Umarme den Schmerz ebenso wie du die Freude umarmst. Sie sagt: Gib dich dem Leben ganz hin, der Trauer, der Lust, deiner Einzigartigkeit, deiner Verschiedenheit. Diese Liebe ist das grosse JA zum Leben – und zum Sterben. Sie ist in ihrer Konsequenz ein JA zu Mahatma Ghandi, und ein JA zu Trump. Diese paar wenigen Sätze machen vielleicht klar, mit welchen Herausforderungen man es zu tun kriegt nach solch einer Erfahrung. Und das bringt mich zu einem zweiten Punkt.
  2. Unsere Institutsleiterin und Zen-Meisterin Anna Gamma schreibt: «Das Geschenk des klaren, weiten Geistes ist die Öffnung des Herzens. Und Mitgefühl ist gelebter, wacher, weiter Geist. Wer mitfühlende Präsenz lebt, öffnet und hält liebevoll den nicht wertenden Raum, damit die Leidenden den Schmerz selbst fühlen können. In der liebevollen Gegenwart eines anderen Menschen wird es einfacher, durch den Schmerz hindurchzugehen. Dies ist der Preis, damit die Verletzung heilen kann.» Über dieses Mitgefühl wird in der Achtsamkeitsliteratur viel geschrieben. Und Anna Gamma und andere Lehrer*innen können diese Präsenz tatsächlich oftmals in ihren Kursen manifestieren. Ich selber mache jedoch oft die Erfahrung, dass mitfühlen auch mitleiden (und mitfreuen) bedeutet. Wenn mein Gegenüber in den eigenen Schmerz eintaucht, dann fühle ich diesen Schmerz ebenfalls; ich gehe dann in Resonanz, aber ohne meinen Boden unter den Füssen zu verlieren. Ich kann dann zwar den Raum halten und diesem Schmerz Raum geben, aber ich spüre ihn ebenso, er tut auch meinem Herzen weh und die Tränen dazu rollen auch über meine Wangen. Ich bin dann nicht der Therapeut, der von aussen auf das Leiden blickt, sondern der Mitmensch, der die Emotion teilt, mitfühlt und mitgeht, weil geteiltes Leid halbes Leid ist – und geteilte Freude doppelte Freude. Oder wie C.G.Jung einmal bemerkte: «Know all the theories, master all the techniques, but as you touch a human soul, be just another human soul.»
  3. Solche Erfahrungen können einsam machen und sind eigentlich zu gross für einen einzelnen Menschen. Über Jahrtausende hinweg wurden diese Erfahrungen in den grossen Weisheitstraditionen hinter klösterlichen Mauern versteckt oder in Höhlen oder auf heiligen Bergen gehütet. Sie waren nur wenigen zugänglich. Nach meiner Wahrnehmung ändert sich das gerade. Es ändert sich, weil wir in einer Zeit der grossen Transformation leben. Mehr und mehr Menschen öffnen sich diesem Mysterium gegenüber. Das Netz ist inzwischen voll von solchen Zeugnissen. Mit scheint es wichtig, dass solche tiefen Erfahrungen in einer Gemeinschaft gehalten und gehütet und auch weiterentwickelt werden. Nur so können sie in unsere «normale» Wirklichkeit hineinwirken. Und genau darum geht es. Ich bin überzeugt, dass uns heute das Leben oder das Universum oder Gott mit solchen Erfahrungen beschenkt, damit wir den anstehenden Umbruch im Sinn des Lebens mitgestalten. Der bekannte Vipassana-Meister Jack Kornfield hat einmal formuliert: «After the ecstasy the laundry.» Meiner Ansicht nach gibt es noch nie so viel Wäsche zu waschen wie heute.

Lebendigkeit statt Glück

Damit möchte ich etwas deutlich machen, das ich eher selten höre oder lese: So überwältigend, so erfüllend und so klar diese Erfahrung auch ist, sie ist kein Garant für Glück. Glück ist in unserer westlichen Gesellschaft eines der höchsten Güter und wird meist verbunden mit Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit und einer erfüllenden Beziehung. Es gibt auch viele Menschen, die meditieren, um zu innerer Ruhe, zu Gelassenheit und schlussendlich auch zum Glück zu finden. Das funktioniert durchaus. Bis zu dem Moment, wo einem bedingungslose Liebe und ultimative Verbundenheit vor die Füsse geworfen wird. Dann ist es erstmal vorbei mit innerer Ruhe und Gelassenheit.

Glück als erstrebenswertes Gefühl, stellt sich dann plötzlich gar nicht mehr als so erstrebenswert dar, weil Glück eben nur die eine Seite der Medaille umfasst. Meine persönliche Schlussfolgerung daraus ist, dass es mehr um Lebendigkeit geht als um Glück. Andere nennen diese Lebendigkeit «Präsenz». Es geht mehr darum das ganze Leben zu umarmen, mit all seinen Schatten, Blitzen, Sonnenaufgängen, Gewittern und Wolkenbrüchen. Und das Tag für Tag, Stunde um Stunde, Augenblick für Augenblick. Das kann durchaus heftig sein. «Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht», heisst es in der Bibel (Johannes 3, 1-12). Lebendig sein heisst, sich dem Leben hingeben, offen sein für alles, was da auftaucht – und gleichzeitig handlungsfähig bleiben und tun, was sich gerade stimmig anfühlt. Ich tue mich enorm schwer damit. Auch weil ich ein Leben lang Projekte verfolgte, Konzepte entwarf, Pläne umsetzte und wusste, was ich erreichen wollte. Dieses Zielstrebige, Leistende ist nicht weg, aber es steht in einem vollkommen neuen Zusammenhang. Es dient nicht mehr meinem Ego oder dem, was ich früher für die Rettung der Welt hielt, sondern es steht in den Diensten des Ganzen. Das Ganze ist die immerwährende Entwicklung von Allem in Liebe und Verbundenheit, aber was das jetzt konkret hier und jetzt für mich heisst, das gilt es herauszufinden, da versuche ich reinzuspüren, um den nächsten Schritt zu machen und dann wieder den nächsten und so weiter und so fort.

Und auch hier kommt wieder die tiefe Überzeugung ins Spiel, die mir sagt: das kann ich nicht allein! Dafür brauche ich Weggefährt*innen, die mit mir Schritt für Schritt gehen, die mir anzeigen, wenn ich vom Weg abkomme, denen ich nicht blind, aber zutiefst vertraue und die ebenfalls auf diesem Feld von unendlicher Lebendigkeit unterwegs sind, die dort ebenfalls ihre eigenen Erfahrungen machen, lichte wie auch dunkle, und sie mir anvertrauen, so wie ich ihnen die meinen ans Herz lege. Die drei wichtigsten Eigenschaften, die solche Weggefährt*innen mitbringen müssen sind, dass sie erstens mit dem Herzen schauen, dass sie zweitens dranbleiben, egal wie abstrus, herausfordernd, ver-rückt, wundervoll, intim und intensiv das wird, und dass sie drittens mutig sind, weil wir uns einander zumuten müssen, so wie wir sind, nackt, in unserer ganzen Unvollkommenheit und Menschlichkeit.

Ein Geschmack des Non-Dualen

Diese Zumutung geht sehr weit. Der Zen-Meister Bernard Glassmann, mit dem ich durch japanische Klöster gereist bin, soll einmal vor den Toren von Auschwitz gesagt haben: «Wenn ihr nicht versteht, dass ihr selbst Auschwitz seid, dann habt ihr noch wenig Ahnung, was Leben heisst.» Dieser Satz ist für jeden und jede von uns sehr schwer zu schlucken. Ich sage manchmal zu meinen Weggefährten eine etwas leichter verdauliche Version: «Mein Leben ist auch dein Leben.» Schon das ist schwer zu schlucken. Aber so ist es.

Im Zen reden wir von der Illusion des Getrennt-Seins. Und damit meinen wir, dass wir eben nicht getrennt von allem andern sind, sondern immer und ewig zutiefst mit allem verbunden. Gegen diese Tatsache wehrt sich unser Ego mit allem, was es aufbieten kann. Unsere ganze westliche Kultur des Individualismus lebt das pure Gegenteil von Verbundenheit. Öffentlich zu behaupten, dass wir da alle einer kollektiven Illusion verfallen sind, braucht viel Mut. Aber noch viel mehr Mut und Lebenskunst braucht es, um diese Verbundenheit in den Alltag zu bringen.

Mit Lebenskunst meine ich hier, dass ich es als eine Kunst betrachte, diese Verbundenheit in unserem Arbeits- und Beziehungsalltag zu manifestieren. Über «Lösungen» und mögliche Wege werden wir uns am Nachmittag noch unterhalten. Es gibt sie, aber sie sind im wahrsten Sinne des Wortes heute noch aussergewöhnlich.

Sie stammen aus einem Bewusstsein, das man als non-dual bezeichnet. 

Ich hatte dazu einmal einen Traum von einem Meditations-Retreat, in dem ein alter amerikanischer Lehrer zu uns sagte: «When I give you a hand, you give me my hand. When I swim in the ocean. You swim in the ocean. When I live, you live. When I die, you die. There is no I. There is no you. Not two. Only one.» 

Das war so schön, dass ich im Traum weinen musste. 

Vertrauen ins Leben

Zum Schluss noch etwas Biologie. Ich bin Naturwissenschaftler und habe Biologie studiert, zusammen mit etwas Philosophie und Psychologie. Als Biologe weiss ich, dass das Leben auf unserer Erde rund vier Milliarden Jahre alt ist. Das bedeutet, dass wenn Sie jetzt ihren Zeigefinger krümmen, dann steckt in dieser einen kleinen Bewegung eine Evolutionsgeschichte von vier Milliarden Jahren. So lange hat das Leben gebraucht, um einen sich krümmenden, menschlichen Finger hervorzubringen. Aber es hat ja noch viel mehr hervorgebracht. Wir gehen heute davon aus, dass es ungefähr 15 Millionen Arten gibt auf der Erde. Nur rund zehn Prozent sind bisher wissenschaftlich beschrieben. 15 Millionen Arten! Ist das nicht unfassbar schön und vielfältig? Das ist die Schöpfung! Mit all diesen Arten sind wir verbunden. Diese Schöpfung hat Eiszeiten überlebt und Meteoriteneinschläge. Sie hat sich kontinuierlich weiterentwickelt und ausdifferenziert. Aus Einzellern sind Vielzeller geworden. Die Pflanzen und ihre Fähigkeit zur Photosynthese haben erst den Sauerstoff geschaffen, der tierisches Leben möglich machte. Es ist ein einziger, riesiger Tanz von Lebendigkeit!!

Wenn ich diese Fülle als Biologe wahrnehme, dann komme ich nicht umhin festzustellen, dass wir dem Leben vertrauen können. Das Leben macht seinen Job gut, besser als wir es uns je hätten wünschen können, und dies seit vier Milliarden Jahren. 4’000’000’000 Jahre sind eine unvorstellbare Zeitspanne. Um das durchzuhalten, braucht es tatsächliche so etwas wie universelle Liebe. Und so kommen wir von den Naturwissenschaften wieder zur Mystik. Beide kommen eigentlich zum selben Schluss: Wir können diesem Leben vertrauen. Das Leben hat immer recht, es macht Sinn und schafft Sinn. Es hat diese Lebendigkeit geschaffen, die wir nur immer wieder bestaunen und feiern können. Deshalb schliesse ich mit den drei Worten, die ich am Anfang bereits gesagt habe: «Alles ist gut.» 

Das bedeutet nicht, dass wir uns zurücklehnen und Trump applaudieren sollen. Es bedeutet nicht, dass wir Kriege gutheissen und Hungersnöte fördern sollen. Und es bedeutet auch nicht, dass wir das weltweite Artensterben hinnehmen und nichts dagegen tun sollen. Die weltpolitischen Verwerfungen, die ökologischen Katastrophen und die gesellschaftlichen Rückschritte gilt es wahrzunehmen und es ist absolut notwendig und wichtig dagegen anzutreten, aber nicht als Weltenretter, sondern im Vertrauen, das alles gut ist und Sinn macht. Das ist eine Kunst, die wir gerade erst am Erlernen sind. Aber diese Kunst wird über unser Schicksal entscheiden, davon bin ich überzeugt. Und es wird eine Kunst sein, die wir nur gemeinsam entfalten können, auch davon bin ich überzeugt. Packen wir es an, alles ist gut!

Ist das Liebe?

Ist das Liebe?

Wenn du sagst: Meine Liebe ist dieser romantische Teich mit dem klaren Wasser, in dem ich schwimmen und mich von der Sonne verwöhnen lassen kann, dann verkennst du das Wesen der Liebe.
Denn die Liebe, das ist der gewaltige Ozean.

Niemand sagt dem Elefanten, er sei eine Maus.
Und so ist es auch mit der Liebe.
Die Liebe ist gross wie ein Elefant, also sag nicht Maus zu ihr.

Wenn die Liebe nicht dein Herz sprengt, dann ist es nicht Liebe.
Wenn die Liebe dich nicht weit über deine Grenzen hinaus fordert, dann ist es nicht Liebe.
Wenn die Liebe dich nicht leiden und verzweifeln lässt, dann ist es nicht Liebe.
Unterschätze die Liebe nicht, denn sie ist die mächtigste Kraft, die dir in deinem Leben begegnen kann.

Es geht nicht darum, die Frau oder den Mann deines Lebens zu finden.
Es geht darum die Liebe zu finden.
Das kann auch die Liebe zum Malen sein, wie bei Vincent van Gogh.
Es kann die Liebe zum Kochen sein, wie bei Stefan Wiesner, dem Hexer aus dem Entlebuch.
Es kann die Liebe zu Hunden oder zu Pferden sein.
Oder die Liebe zum Parfüm wie bei Patrick Süskind.
Es ist deine Bestimmung.
Wenn du die gefunden hast, bist du in der Liebe, unendlich kraftvoll, bedingungslos kreativ. Dann bist du angekommen und zuhause bei dir.

Also finde deine Bestimmung, dann findest du auch diese bedingungslose Liebe.
Aber glaube nicht, dass du sofort Anerkennung und Wertschätzung erntest, wenn du deine Bestimmung dann ausübst. Das Gegenteil wird der Fall sein. Deine Freunde werden dich für verrückt halten. Sie werden sagen, dass das, was du aus dieser bedingungslosen Liebe heraus tust, ungesund, vielleicht sogar wahnsinnig sei. Dann befrage dein Herz, ob du auf dem richtigen Weg bist, dann suche Vertraute und höre ihnen zu und prüfe, was sie sagen. Sei kritisch dir selbst und deinem Lieben gegenüber. Sei kritisch anderen gegenüber die über die Liebe reden, auch wenn sie als weise Männer oder Frauen gelten.
Die weisen Frauen und Männer werden dir vielleicht sagen, dass du dich abhängig machst von dieser Liebe – prüfe, ob du abhängig bist oder in Freiheit, und wundere dich nicht, wenn du beides gleichzeitig bist.
Die weisen Frauen und Männer werden dir vielleicht sagen, dass das alles nur Projektionen deiner armen verlorenen Seele sind – schaue genauer hin und entscheide selbst, ob du dir diese liebevollere Welt einfach nur herbeiwünscht oder ob du sie wirklich wirklich vor dir siehst.
Und die weisen Männer und Frauen werden vielleicht sagen, dass du den geliebten Menschen überhöhst – prüfe auch das und frage dich, ob nicht jeder Mensch das Wunder ist, das du in dem geliebten Menschen vor dir siehst.

Wenn du dich aber hinterfragt hast und dieses bedingungslose Lieben immer noch in dir lodert und zur Welt gebracht werden möchte, dann folge dieser Liebe und tue, was du tun musst. Nichts anderes als das wird dich glücklich machen. Erst wenn du dieser bedingungslosen Liebe folgst, wirst du ganz werden. Und wenn du ganz wirst, dann wirst du zu strahlen beginnen. Und wenn du strahlst, dann werden andere Menschen das auch sehen – und nicht nur Menschen. Auch die Natur und das Leben selbst wird dieses Strahlen sehen und darauf antworten. Und dann endlich findest du die Kraft und den Frieden, um unangefochten zu vollenden, wofür du hierhergekommen bist.

Schneewunder

Schneewunder

Luzern, erster richtiger Wintertag, frühmorgens, -3 Grad Celsius: Ja, auch auf meinem Balkongeländer wurde Schnee aufgebiegen. Das Geländer ist drei Zentimeter breit. Der Schnee darauf liegt 15 Zentimeter hoch. Wie ist das möglich!? 

Flocke für Flocke hat sich unendlich leicht da niedergelassen. Jede einzelne Flocke verzahnte sich mit all den Flocken um sie herum. Sie sind niedergeschwebt, sicher hunderttausend von ihnen, um auf diesem schmalen Stück Geländer dieses Schneemäuerchen zu bauen. Wer könnte das so tun? Wer hätte diese Geduld? Diese Leichtigkeit?

Keiner von uns Menschen jedenfalls. Da hat ein*e grösser*er Baumeister*in gewirkt. Aber ich sehe ihn/sie nicht. Ich nehme keine Spuren von Tritten wahr. Ich lausche in die Schneewelt hinaus und höre nur die Stille.

Und werde dabei selber still. Und verspüre die Bewunderung mit meinem Herzen, das ruhig wird. Ich entspanne mich, es gibt nichts zu tun, ausser es geschehen zu lassen, dieses Wunder. Da ist etwas am Werk, das viel, viel grösser ist als ich. Diese schiere Grösse könnte Angst einflössen, tut sie aber nicht, im Gegenteil, sie schafft Vertrauen. Wenn der Himmel es fertigbringt innert Stunden ein solches weisses Mäuerchen zu schöpfen, was muss ich mir dann noch Sorgen machen?

Also lasse ich die Sorgen alle los und spüre der Freude nach, die dieser Schnee mir bringt. In dieser Freude liegt die Dankbarkeit, dass alles gut ist, so wie es ist. Und dass alles miteinander verbunden ist, jede Flocke mit der andern, die Schneedecke mit dem Boden und dem Himmel, ich mit dieser grossen, weissen Schneelandschaft und mit mir.

Herzerwärmend

Herzerwärmend

Das Angebot von tausend Kernen bringt mir im Winter den herzerwärmenden Besuch von zwanzig Vogelarten. Amseln, Finken, Meisen, Kleiber, Spechte und Rotbrüstchen tummeln sich um unser Vogelhäuschen vom kalten November an. Fünf Kilogramm Futter vertilgen sie pro Woche. Sie werden umgesetzt in Lebendigkeit an dunklen Wintertagen.

Aus einer im Winter toten Ecke des Balkons wird ein lebendiges Geflatter und Gezwitscher. Meisen hämmern auf den Sonnenblumenkernen herum. Amseln und Kleiber schmeissen missliebige Samen in hohem Bogen aus dem Häuschen. Finken hocken oft eine Viertelstunde unter dem Vogelhausdach und schlagen sich den Bauch voll. Und ab und zu erscheinen die Seltenen und Besonderen: der Gimpel, der Kirschkernbeisser, der Kreuzschnabel oder der Buntspecht, die Schwanzmeise und die Bartmeise.

Am meisten Freude habe ich an den kleinen Zeisigen, die in Gruppen einfallen und am Boden herumhüpfen wie Federbällchen. Sie picken auf, was runtergefallen ist.

Seit meiner Kindheit habe ich Freude an Vögeln. Und meine Grossmutter, meine Mutter und jetzt wir haben sie im Winter immer gefüttert. Es ist eine Familientradition. Vor allem aber macht es Spass und Freude. Es sind keine überschwänglichen Momente, die ich vor dem Vogelhäuschen verbringe. Es ist die Konstanz und Verlässlichkeit des Erscheinens dieser Vögel, die mich beeindruckt. Sie signalisiert: der Kälte und Erstarrung des Winters zum Trotz geht das Leben weiter, wir sind immer noch da; wir widerstehen dem Gefrorenen wie du und freuen uns am Körnerangebot.

Das Bild der flatternden Vögel prägt mir jeden Morgen, vier oder fünf Wintermonate lang. Wenn sich alle Pflanzen draussen in die Erde zurückgezogen haben, kein Blatt an den Bäumen hängt und die Menschen, wenn überhaupt, nur vermummt durch die Strassen gehen, sind die Vögel immer noch da. Erscheinen wie aus dem Nichts, sobald ich ihnen ein paar Körner hinlege und bringen luftige Grüsse zum Teil von weit her oder auch nur vom nächsten Waldrand.

Ein Ball, ein Sohn, ein Platz

Ein Ball, ein Sohn, ein Platz

Die Standard-Antwort war: Heute geht es gerade nicht so gut. Oder als Variante: Leider habe ich gerade keine Zeit heute.

Die Glück-bringende Antwort war: Ok, gehen wir!

Die Frage des Sohnes an den Vater war jahrelang dieselbe: Kommst du bitte mit mir auf den Fussballplatz? Ich weiss nicht mehr genau, wie lange ich die Standard-Antwort durchzog, aber es waren nicht Monate, sondern Jahre. Aber irgendwann einmal, da war mein Sohn elf oder zwölf wechselte ich auf die Glück-bringende, obwohl ich damals keine Ahnung davon hatte, wie viel Glück dieses «ok, gehen wir!» mir bescheren würde.

Dazu muss man wissen, dass ich nicht gerne Fussball spielte. Es nie gerne tat. Nicht in meiner Kindheit, nicht in meiner Jugendzeit. Man kann sogar sagen: ich hasste Fussball. Fussball demütigte mich, schon bevor die Schulzeit anfing. Ich war derjenige, der das nicht konnte. Das was alle konnten. Allerhöchstens in der Verteidigung konnte man mich einsetzen. Und eigentlich auch dort nicht. Ich schoss den Ball mit der Fussspitze, worauf der Ball irgendwohin flog und mir die Zehen weh taten. Aber alle wollten immer Fussball spielen, nicht Handball, nicht Korbball, nicht Tennis. Ich spielte Tennis, aber das nützte mir auf dem Fussballfeld weniger als nichts.

Mein Sohn hingegen konnte Fussball spielen, auch Handball. Er kann eigentlich alles, was mit Sport zu tun hat. Und seit er ein kleiner Junge war verbrachte er die meiste Zeit auf dem Fussballplatz neben der Turnhalle. Er war unermüdlich. Was auch bedeutete, dass seine Kollegen irgendwann zu müde waren, während er nicht genug kriegen konnte. Deshalb fragte er mich. Und nachdem ich ihm jahrelang die Standard-Antwort gegeben hatte, gab ich mir irgendwann einmal innerlich einen Ruck und sagte: ok, gehen wir!

Er musste mir alles beibringen. Zuerst einmal gewöhnte er mir das Schiessen mit der Fussspitze ab. Jedes Mal, wenn ich vom Schiessen müde wurde, stellte er mich ins Tor, bis ich wieder etwas Kraft gewonnen hatte. Dann übernahm er als Torhüter und ich war wieder dran mit Schiessen. Er brachte mir bei, wie man flache Bälle schiesst und wie die Halbhohen. Er lernte mich, den Ball anzunehmen. Er unterrichtete mich im Schiessen von angeschnittenen Bällen. Ich konnte mit der Zeit scharfe, schnelle Bälle schiessen und auch langsame. In die linke unter Ecke und in die rechte obere. Auch Weitschüsse. Auch erste Dribblings.

Er war und ist der geborene Fussballtrainer. Ich konnte mich noch so blöd anstellen – er ermunterte mich. Er sah präzis, was ich falsch machte und gab mir die entsprechenden Tipps. Er konnte meine Bewegungen analysieren und ausserdem gut erklären, wie ich sie verbessern könnte. Es war faszinierend! Ich begriff, wieso er ein derart guter Sportler war: Es waren nicht nur seine Beine, seine Instinkte, sein Talent, sondern auch sein Kopf. Und so änderte sich meine Standard-Antwort. 

Die neue Standard-Antwort war: ok, gehen wir! Ab dann verbrachten wir zwei Sommer lang viele, viele, viele Stunden gemeinsam auf dem Fussballplatz. Als Vater und Sohn, wobei die klugen Ratschläge vom Sohn kamen und der Vater sie umzusetzen versuchte. 

Mit der Zeit verblassten all die Jahre, in denen ich mich auf den Fussballfeldern geschämt hatte und ich begann mich auf unsere abendliche Sportstunde zu freuen. Es war ein ganzer, riesengrosser Brocken Scham, der da ausgedribbelt wurde und sich in Freude, Spass und eine wundervolle Vater-Sohn-Beziehung verwandelte.

(Luzern, Steinhofschulhaus, 2013 – 2015)

Jassen mit Inäni

Jassen mit Inäni

Keine Ahnung weshalb wir unsere Grossmutter «Inäni» nannten. Sie wohnte bei uns. Wir wussten, wo sie die Schokolade versteckt hielt, und sie wusste, dass wir es wussten. Ich habe sie geliebt. Ihr Wort hatte Gewicht für mich und ich erinnere mich heute noch, wie sie mir einmal entrüstet entgegenschleuderte: „Du bist ein Moloch!“ Das heisst laut Wikipedia «gnadenlose, alles verschlingende Macht». Sie gebrauchte diesen Kraftausdruck als wir zusammen Karten spielten (Jassen auf Schweizerdeutsch.) Das taten wir jeden Mittag nach dem Essen. Wahrscheinlich hatte ich eine Gewinnsträhne. Ich weiss heute noch, wie sich so etwas anfühlte – «gnadenlos» hat da durchaus seinen Platz.

Dieses rituelle Kartenspielen war Teil meines Familienerlebnisses, ebenso wie der wöchentliche Ausflug mit meinem Vater auf den Tennisplatz, jeden Samstag und fast jeden Sonntag. Diese Rituale lieferten das Gitter in dem sich der ganze Rest entfalten konnte. Dass es keine Kirchenbesuche waren, sondern Tennisplätze war typisch für diese Zeit in den 60er und 70er Jahren. Und dass es meine Grossmutter und nicht meine Mutter war, die noch jeden Tag Zeit hatte für ein Spielchen, war in der aufkommenden Frauenemanzipationsbewegung ebenso typisch.

Aber Inäni war noch in einer anderen Hinsicht beeindruckend. Sie hatte viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen, aber da war keine Bitternis, sondern eine Herzensgüte, die mir wohltat und die ich bewunderte. Ich hing an ihr und als sie eines schönen Tages 1973 vor meinen Augen umkippte – Herzstillstand – war das der erste grosse, tragische Verlust meines Lebens.

Rückblickend ist «Verlust» aber das falsche Wort. Seit Jahrzehnten trage ich meine Grossmutter in meinem Herzen. Sie ist da, so wie sie damals für mich da war. Einfach so, ohne gross Aufhebens davon zu machen.

Reifeprüfung

Reifeprüfung

Französisch in der Schule war Stress pur! Wie habe ich mich doch abgeplagt! Statt Élégance nur Sperrigkeit im Rachen. Statt Jonglieren im Mund nur Knoten in der Zunge. Ich konnte mir die Wörter nicht merken und das Verwenden der verschiedenen Zeitformen war immer reine Glückssache – Stichwort: Subjonctif!

Deshalb musste ich in diesem Fach richtig viel lernen. Trotzdem blieben meine Noten im Keller. Rumms eine 2. Dann wieder eine 3-4. Wenn mal ein 4-5 mit roter Tinte auf dem Test stand, war ich schon überglücklich. Und dies trotz eines tollen Lehrers, der witzig war, charmant, voller Lebensfreude und Schalk. Ich mochte ihn, auch wenn ich Französisch hasste.

Vorsprechen war das Schlimmste. Wie ein Idiot stammelte ich irgendwie irgendwas falsch betont und grammatikalisch unsinnig vor mich hin. Das Blut schoss mir ins Gesicht, die Knie waren weich. Ich war ein hoffnungsloser Fall. Bis zur Matura.

Nach sieben Jahren Gymnasialzeit. Nach sieben Jahren accent aigu, grave und circonflexe kam es zur Abschlussprüfung. Mündliche Prüfung, das hiess: alleine rein ins Zimmer und vor dem Franzlehrer und einem Experten über André Gide reden. Gide war mein Lieblingsautor, neben Camus. Ich legte mich ins Zeug, redete mich heiss, vergass, dass ich eigentlich gar kein Französisch konnte. Und mein Lehrer lächelte die ganze Zeit vor sich hin. „Gratulations Reto“, sagte er am Ende und entliess mich etwas verblüfft. Die schriftliche Prüfung war dann wieder dasselbe Desaster wie jede Französisch-Prüfung der letzten sieben Jahre. Aber dann kam der Abschlussabend, an dem die Noten bekannt gegeben wurden.

Wer nicht bestanden hatte wurde diskret vorher informiert und musste nicht an der Abschlussfeier erscheinen. In meinem Jahrgang waren das nur zwei Schüler. Alle andern sassen in der Aula. Es wurden Reden gehalten. Die Stimmung war ausgelassen. Alle freuten sich auf die Maturafeste, die die einzelnen Klassen organisiert hatten. Es ging bei diesem offiziellen Teil eigentlich nur darum, möglichst schnell das Zeugnis ausgehändigt zu bekommen, um nachher die Korken knallen zu lassen. 

Aber dann geschah das für mich Unerwartete. Ich wurde zum Zweitbesten meines Jahrgangs ausgerufen. Trotz Französisch? Ich konnte es nicht glauben! Ich betrat die Bühne um das Zeugnis abzuholen, unsicher, ob es sich nicht doch noch als Irrtum herausstellte. Aber nein, alle klatschten und ich nahm das Zeugnis und die Gratulationen des Rektors entgegen. Dann starrte ich in mein Zeugnis und da stand sie, die Note für mein Französisch: Es war keine Ungenügende, auch keine 4, sondern eine glatte 5. Ich konnte es kaum fassen! Blickte zum Französischlehrer hinüber, fragenden Auges, aber der lächelte bloss zurück. „Du hast es dir verdient“, sagte sein Blick. Und wie ein Flash rasten all die unsäglichen Tests und Noten an mir vorbei, all das Geknurze, das Unverständnis, das Leiden mit dieser Sprache, aber das Lächeln meines Französischlehrers blieb. Und es versöhnte mich mit einer ganzen Weltsprache. Dankbarkeit überflutete mich. Das ganze Maturitätszeugnis war eigentlich egal, aber diese 5 im Französisch, die bedeutete etwas. Sie öffnete das Tor zu einer anderen Kultur. Zur Grande Nation. Zu einem anderen Verständnis von Noten. Diese 5 war ein Bund fürs Leben mit einer Sprache, die mir nicht liegt, aber für die ich dankbar bin, dass es sie gibt. Und seither gehe ich gerne in dieses Land und war schon sehr oft da. Und werde bald wieder hingehen.

PS: André Gide, zum Beispiel „Der Immoralist“, habe ich auf deutsch gelesen 😉

(Matura, Sommer 77)

Forever in Bluejeans

Forever in Bluejeans


Es gibt Freunde, denen kann man sogar ein Neil Diamond-Konzert zumuten. Oder eines von Reinhard Mey. Der Song «Forever in Bluejeans» ist heute zwar so etwas von out, zumal ein 77-Jähriger vor uns steht und das Lied singt, aber was soll’s. Die Freundschaft ist ebenso alt und wird mit jeder Zumutung noch fester gezurrt. Es geht um Hans. Ich habe ihn vor drei Jahren in ein Reinhard Mey-Konzert gezerrt, weil ich diesen Liedermacher einmal im Leben live sehen wollte und weil er mich mit seiner Nickelbrille und dem kurz geschorenen Haar, dem verschmitzten Lächeln, seiner Weinseligkeit und seinem absolut soliden und verlässlichen Wesen immer an meinen Freund Hans erinnert hat. Viele Lieder von Mey gehören zudem zu meinen Lieblingsliedern, vor allem wegen seiner Texte, die mal witzig, mal poetisch, immer elegant sind. Und so besuchten Hans und ich den Reinhard in der Tonhalle Zürich. Ich fand’s genial und Hans stand zu mir als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Die Retourkutsche war eines der letzten Neil Diamond-Konzerte vor seinem Rücktritt von der Bühne, zu dem mich Hans mitschleppte. „Wenn der noch Mal kommt, will ich ihn unbedingt sehen“, war seine Begründung und mir war das genug. Wir bestiegen zusammen den Zug Richtung Hallenstadion, genossen, was zu geniessen war und übersahen geflissentlich, was ein bisschen peinlich daherkam. Sowohl Mey wie Diamond haben unsere Jugend beschallt. Lang ist’s her. Aber seitdem sind wir Freunde. Durch all die Jahrzehnte hindurch. Und jedes Mal, wenn wir einander wiedersehen ist es wie ein Heimkommen.

Die Eltern von Hans sind gestorben. Das heisst, für ihn gibt es kein nach Hause kommen mehr dort. Er hat zwar noch Schwestern, aber das ist nicht das Gleiche. Und er hat mich und ich ihn, um dieses Gefühl des Heimkommens zu zelebrieren. Wir tun jeweils nicht viel, wenn wir einander sehen. Eine kleine Wanderung, ein gemeinsames Essen oder eben ein Konzertbesuch. Wir müssen diese Freundschaft nicht weiterentwickeln, sondern einfach immer mal wieder zu ihr zurückkehren. Vom Meer her, das manchmal stürmisch ist, anlanden auf dieser Freundschaftsinsel, die immer dort steht, wie der Fels in der Brandung seit jeher. Diese Wiedersehen gehören zu den ruhigsten und entspanntesten Stunden meines Lebens. Da ist nichts, was gemusst wird, nichts, das gezeigt werden könnte, nur da sein und einander versichern, dass man immer noch da ist. Das reicht vollkommen.

(Freundschaft mit Hans, 1968 – …)

Hier ist der Text meines Lieblingsliedes von Reinhard Mey. Es geht um’s nach Hause kommen:

Viertel vor Sieben (Reinhard Mey)

Dunkle Regenwolken sind aufgezogen,

Die Dämmerung fällt auf einmal ganz schnell.

Überm Stahlwerk flackert blau der Neonbogen,

Die Fenster im Ort werden hell.

„Wo hast du dich nur wieder rumgetrieben,

Zieh die klatschnassen Schuh‘ erstmal aus!“

Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben

Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Und es soll Sonnabend sein und es soll Topfkuchen geben

Und der soll schon auf dem Küchentisch stehn

Und eine Kanne Kakao und meine Tasse daneben

Und ich darf die braune Backform umdrehn.

Schokoladenflocken mit der Raspel gerieben

In der Schaumkrone meines Kakaos.

Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben

Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Ein Brief zwischen Zeitung und Werbung im Kasten

Erschüttert dein Fundament:

Anna und Hans, die so gut zusammenpaßten,

Haben sich einfach getrennt.

Wie hast du sie beneidet, zwei, die sich so lieben!

Und plötzlich ist doch alles aus.

Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben

Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Und Vater soll im Wohnzimmer Radio hör´n

In den steinalten Grundig versenkt.

Und die Haltung sagt mir: Bloß jetzt nicht stören!

Und wenn er den Blick auf mich lenkt,

Mit der vorwurfsvoll‘n Geste die Brille hochschieben,

„Menschenskind, wie siehst du wieder aus!“

Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben

Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Das Fell wird dünner und leerer der Becher,

Der Zaubertrank wirkt nur noch schwer.

Der Kummer ist tiefer, der Trost scheint schwächer,

Und es heilt nicht alles mehr.

Wo ist meine Sorglosigkeit geblieben,

Was machte Erkenntnis daraus?

Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben

Und ich wünschte, ich käme nach Haus!

Nur einen Augenblick noch mal das Bündel ablegen

Und mit argslosem Übermut,

Durch dunkle Wege, der Zuflucht entgegen

Und glauben können: Alles wird gut!

Manchmal wünscht‘ ich, die Dinge wär‘n so einfach geblieben

Und die Wege gingen nur gradeaus,

Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben

Und ich wünschte, ich käme nach Haus!