Herzerwärmend

Herzerwärmend

Das Angebot von tausend Kernen bringt mir im Winter den herzerwärmenden Besuch von zwanzig Vogelarten. Amseln, Finken, Meisen, Kleiber, Spechte und Rotbrüstchen tummeln sich um unser Vogelhäuschen vom kalten November an. Fünf Kilogramm Futter vertilgen sie pro Woche. Sie werden umgesetzt in Lebendigkeit an dunklen Wintertagen.

Aus einer im Winter toten Ecke des Balkons wird ein lebendiges Geflatter und Gezwitscher. Meisen hämmern auf den Sonnenblumenkernen herum. Amseln und Kleiber schmeissen missliebige Samen in hohem Bogen aus dem Häuschen. Finken hocken oft eine Viertelstunde unter dem Vogelhausdach und schlagen sich den Bauch voll. Und ab und zu erscheinen die Seltenen und Besonderen: der Gimpel, der Kirschkernbeisser, der Kreuzschnabel oder der Buntspecht, die Schwanzmeise und die Bartmeise.

Am meisten Freude habe ich an den kleinen Zeisigen, die in Gruppen einfallen und am Boden herumhüpfen wie Federbällchen. Sie picken auf, was runtergefallen ist.

Seit meiner Kindheit habe ich Freude an Vögeln. Und meine Grossmutter, meine Mutter und jetzt wir haben sie im Winter immer gefüttert. Es ist eine Familientradition. Vor allem aber macht es Spass und Freude. Es sind keine überschwänglichen Momente, die ich vor dem Vogelhäuschen verbringe. Es ist die Konstanz und Verlässlichkeit des Erscheinens dieser Vögel, die mich beeindruckt. Sie signalisiert: der Kälte und Erstarrung des Winters zum Trotz geht das Leben weiter, wir sind immer noch da; wir widerstehen dem Gefrorenen wie du und freuen uns am Körnerangebot.

Das Bild der flatternden Vögel prägt mir jeden Morgen, vier oder fünf Wintermonate lang. Wenn sich alle Pflanzen draussen in die Erde zurückgezogen haben, kein Blatt an den Bäumen hängt und die Menschen, wenn überhaupt, nur vermummt durch die Strassen gehen, sind die Vögel immer noch da. Erscheinen wie aus dem Nichts, sobald ich ihnen ein paar Körner hinlege und bringen luftige Grüsse zum Teil von weit her oder auch nur vom nächsten Waldrand.

Genesis

Genesis

Wenn Samen und Eizelle miteinander verschmelzen, ist diese Vereinigung das Allererste, das im Leben passiert. Unsere grosse Sehnsucht nach Vereinigung und Einheitserfahrungen rührt unter anderem daher. Nach der Verschmelzung beginnt das neue, individuelle Leben sich zu entwickeln. Die Grundlage dieser Entwicklung ist Vertrauen. Vertrauen der Mutter, das alles in Ordnung ist. Vertrauen des Kindes, das es im Bauch der Mutter sicher und geschützt ist. Aber dieses Vertrauen ist nicht immer vorhanden. In meinem Fall war das Vertrauen gestört; für meine Mutter kam ich zu früh. Sie hatte andere Pläne mit ihrem Leben. Das Kind in ihr durchkreuzte diese Pläne. Deshalb lehnte sie es ab. Ich bekam das zu spüren. 

Psychologen sagen, dass man sich an die ersten zwei Lebensjahre kaum erinnert und an vorgeburtliche Erfahrungen noch viel weniger. Das ist eine Lehrmeinung. Es gibt jedoch auch Studien, die nahelegen, dass man sich zum Beispiel an Melodien erinnert, die während der Schwangerschaft oft gespielt wurden. Und neuste Forschungen zeigen, dass es so etwas wie ein zelluläres Gedächtnis gibt. Wie dem auch sei: Wenn ich meditiere und dieser Zeit im Bauch und nach der Geburt nachspüre, erhalte ich ziemlich eindeutige Bilder und Erinnerungen. 

Einer dieser Eindrücke aus der Meditation ist, dass ich schon einen Monat nach der Vereinigung spüre, wie meine Mutter Panik bekommt, als sie ihre Schwangerschaft realisiert. Ich spüre, wie ich gegen diese Panik Widerstand leisten muss; ich spüre das auf zellulärer Ebene. Diese Panik hält dann rund sieben Monate an und wird mit dem wachsenden Bauch immer schlimmer. Dann komme ich zur Welt und die Panik wächst nochmals. Denn jetzt hängt ihr Bauch und ist wabbelig, die Vagina erweitert und schlaff, alles schrecklich. Und bei meiner Mutter mit der Angst verbunden, nicht mehr attraktiv zu sein. Zudem will dieses kleine Kind nun auch noch die schönen Brüste attackieren. Panik in ganz grossem Ausmass!

Auf der einen Seite bekomme ich als Baby also zu spüren, das ich nicht unbedingt gewollt bin, das ich irgendwie falsch bin. Zugeben kann meine Mutter das jedoch nicht. Also muss sie diese Frustration, diese Durchkreuzung ihres Lebensplans kompensieren. Sie tut das, wie viele Mütter das tun: Indem sie mich herumreicht und beteuert, wie wunderbar dieses Kind ist. Es gibt ein Bild aus dieser Zeit, auf dem meine Mutter wie ein Fotomodell (das sie immer werden wollte) im Wochenbett posiert und ich irgendwie verloren daneben liege. Ich werde also herumgereicht. Als kleines Kind will man aber nicht herumgereicht und bewundert werden. Und als Baby begreife ich auch nicht, was das soll: warum ich so wunderbar sein soll, wenn man mich herumzeigt, ich kurz darauf aber wieder Ablehnung spüre, sobald ich zurückgereicht werde. Das ist eine äusserst verwirrende Doppelbotschaft.

Eigentlich will ich mich als Baby nur in den armen meiner Mutter entspannen können, mich gehen lassen können, vertrauen können. Stattdessen spüre ich in diesen Armen eine gewisse Ablehnung. Stattdessen reicht sie mich herum und sagt wie grossartig ich bin. Also lerne ich mit der Zeit folgendes: Ich muss meiner Mutter zeigen, wie grossartig ich bin, um von ihr liebevoll in die Arme genommen zu werden und Vertrauen zu bekommen. Wenn alle finden, ich sei grossartig, und alle sagen, ich sei wundervoll, wird das auch meine Mutter so sehen. So funktioniert das natürlich nie, weil meine Mutter dieses Vertrauen selbst auch nicht hat und deshalb mir auch nicht geben kann. Aber so entsteht in mir eine unsinnige Lösungsstrategie für ein Grundproblem, die ich über Jahrzehnte hinweg beibehalte. Das Motto dazu lautet: «Ich leiste, dafür bekomme ich Vertrauen/Liebe geschenkt.» Ich suche also über Leistung und im Aussen dieses Vertrauen zuerst von meiner Mutter, dann von meinen Liebsten zu bekommen, was schlicht und ergreifend der falsche Weg ist. Ein Tauschhandel, der nicht funktioniert. Ein Schlüssel, der nicht passt. Aber da ich keinen anderen habe, versuche ich immer wieder diesen nicht passenden Schlüssel ins Schloss zu stecken.

Diese Suche nach dem (Ur)-Vertrauen begleitet mich seit Geburt. Ich suche permanent und kann mich deshalb fast nie ganz entspannen. Das hat auch körperliche Auswirkungen, zum Beispiel Schlaflosigkeit. Auch heute noch, mit 60 Jahren habe ich das Problem nicht gelöst. Es wird sich auch nicht von einem auf den anderen Tag lösen lassen, dazu ist es zu alt. Wo die Lösung liegt, weiss ich zwar schon eine ganze Weile. Aber Wissen hilft hier nicht wirklich weiter. Doch seit einigen Monaten mache ich dazu auch eine körperliche Erfahrung, vor allem durch Meditation. 

In der Meditation kann ich meine Mutter in einem grösseren Ganzen sehen. Ich kann erkennen, dass meine Mutter keine Schuld hat. Ich kann sehen, dass sie damals, als sie mit mir schwanger war, einfach so reagierte, wie eine junge Frau reagiert; vollkommen natürlich, vollkommen verständlich. Und dass diese Reaktion einfach eine Manifestation ihres Egos war, nicht mehr und nicht weniger. Sie war nicht gegen mich persönlich gerichtet, sondern einfach von ihrem Ego getrieben. Diese ablehnende Reaktion hat auch etwas Zufälliges. Wäre ich vielleicht ein oder zwei Jahre später gekommen, wäre sie anders ausgefallen.

Der springende Punkt ist jedoch ein anderer: Ich kann in der Meditation und inzwischen auch im Alltag klar erkennen, dass das Leben selbst mich so wollte. Genau dann. Genau dort. Und ich kann klar erkennen und erfahren, dass ich nur weiterkomme, wenn ich in das Leben selbst vertraue. Nicht in meine Mutter, nicht in meine Liebsten, nur in das Leben selbst.

Ich verdanke mein Leben dem Leben selbst, der Schöpfung selbst, der Genesis. Die Schöpfung wollte, dass ich hier bin. Meine Mutter wollte etwas anderes. Mein Vater hatte anfangs gar keine Vorstellung, was er wollte oder ob er überhaupt etwas von mir wollte. Aber das Leben wollte mich hier auf die Welt bringen, am 14.11.1958. Und in das Leben kann man/frau vertrauen. Es schöpft seit Milliarden von Jahren. Und was dabei herausgekommen ist, ist wunderbar, paradiesisch.

Der Weg bis zu diesem Punkt hier und jetzt war lang und oft schmerzhaft. Ich hätte mir das anders gewünscht und wünsche es allen anders.  Aber wenn ich in meinen letzten zwanzig Lebensjahren lerne und erfahre, wie dieses Vertrauen ins Leben selber wächst, dann finde ich das spannend – oder eher ent-spannend, auf jeden Fall wichtig und erfüllend. Und vielleicht ist sogar genau das Sinn und Zweck meines Hierseins jetzt: Dieses Vertrauen ins Leben selbst mehr und mehr zu erschliessen und auch davon zu erzählen.

Die Foto-Ausstellung «Genesis» von Sebastiao Salgado ist eigentlich ein Wegweiser dorthin. (Noch bis am 23.6.2019 im Museum für Gestaltung Zürich)

(Meditation vom 13.2.19)

Die Erlösung ist im «Tatort» angekommen

Die Erlösung ist im «Tatort» angekommen

In einem normalen «Tatort» werden immer am Sonntagabend, seit 49 Jahren, Mordfälle gelöst. Beim Tatort «Murot und das Murmeltier» hingegen wird nicht ge- sondern erlöst. 

Der Schauspieler Ulrich Tukur als Kommissar Murot und der Regisseur, Drehbuchautor und Musiker Dietrich Brüggemann bringen in dieser Tatort-Episode in nur 90 Minuten das grossartige Kunststück fertig, die Essenz der Erlösung glaubhaft zu inszenieren. Das geht so: Nachdem Murot in einer Zeitschleife immer und immer wieder den gleichen Banküberfall durchlebt und dabei jedes Mal erschossen wird, sitzt er am Filmende mit dem Täter am Seeufer, drückt ihm seine Pistole in die Hand und spielt ein paar wenige, simple Sätze so eindringlich, das plötzlich aufscheint, was mit «Erlösung» gemeint sein könnte. Er sagt:

«Sie haben jetzt die Wahl.

Sie können uns jetzt beide erschiessen. 

Dann geht alles von vorne los und wir sitzen wieder in der Bank. 

Oder sie lassen uns am Leben. 

Dann ist jeder Tag neu. 

Und die Chance besteht, dass es ein beschissener Tag wird. 

Oder auch mal ein sehr schöner. 

Oder ein ganz normaler Tag, mit wechselnder Bewölkung und 30 Prozent Regenwahrscheinlichkeit.»

Der Verbrecher schiesst nicht, sondern legt seinen Kopf auf Murots Schulter und Murot umarmt ihn.

Das ist alles.

So ist die Erlösung, 2019 Jahre nach Christus, im «Tatort» angekommen.

In den Ohren und Augen vieler war das eine Zumutung  – 57% der Zuschauer hat dieser «Tatort» nicht gefallen. 

Ich finde diese Schlusssequenz nach 90 Minuten Wirren und Irrungen mutig und in ihrer Einfachheit genial. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen zum Thema Erlösung. Aber spielen muss man das können und Tukur kann das und bringt diese Schlichtheit auf den Punkt.

Wir alle befinden uns in dieser Endlosschlaufe. Das repetitive Tatort-Schauen jeden Sonntagabend ist ein gutes Indiz dafür.  Die einen sehen das klarer, andere haben kein Bewusstsein dafür und wieder andere sind in dieser Routine abgestumpft. Aber die einzige Möglichkeit da rauszukommen ist – und genau das macht uns Tukur in seinem Tatort unnachahmlich vor -, jeden Tag als neuen Tag zu erfahren. Ein neuer Tag mit tausend Möglichkeiten, einer von dem man am Morgen nicht weiss, was er bis zum Abend bringen wird. Das immer wieder neu zu sehen und zu spüren ist hohe Kunst. So hohe Kunst, dass es kaum jemandem in Vollendung gelingen wird. Aber sobald es hin und wieder gelingt, und es dann immer öfter gelingt, spürt man Freiheit. Und je freier man sich fühlt, um so grosszügiger und verschwenderischer erscheint einem das Leben.

Der Kern der Erlösung ist simpel und zwar in allen Weltreligionen. Buddha soll einmal die Essenz seiner Lehre so zusammengefasst haben:

«Meditiere.

Lebe genügsam.

Sei still.

Verrichte deine Arbeit meisterlich.

Komme hinter den Wolken hervor,

wie der Mond.

Und scheine.»

Das reicht.

Das reicht nicht, um eine Weltreligion am Laufen zu halten. Dazu braucht es goldene Gongs, Räucherwerk, Roben und Rituale; aber im Grunde genommen ist das alles Marketing.

Um ein erfülltes Leben zu leben, reicht es, sich an diese sieben Zeilen zu halten. Oder «Murot und das Murmeltier» zu schauen.

Ein Ball, ein Sohn, ein Platz

Ein Ball, ein Sohn, ein Platz

Die Standard-Antwort war: Heute geht es gerade nicht so gut. Oder als Variante: Leider habe ich gerade keine Zeit heute.

Die Glück-bringende Antwort war: Ok, gehen wir!

Die Frage des Sohnes an den Vater war jahrelang dieselbe: Kommst du bitte mit mir auf den Fussballplatz? Ich weiss nicht mehr genau, wie lange ich die Standard-Antwort durchzog, aber es waren nicht Monate, sondern Jahre. Aber irgendwann einmal, da war mein Sohn elf oder zwölf wechselte ich auf die Glück-bringende, obwohl ich damals keine Ahnung davon hatte, wie viel Glück dieses «ok, gehen wir!» mir bescheren würde.

Dazu muss man wissen, dass ich nicht gerne Fussball spielte. Es nie gerne tat. Nicht in meiner Kindheit, nicht in meiner Jugendzeit. Man kann sogar sagen: ich hasste Fussball. Fussball demütigte mich, schon bevor die Schulzeit anfing. Ich war derjenige, der das nicht konnte. Das was alle konnten. Allerhöchstens in der Verteidigung konnte man mich einsetzen. Und eigentlich auch dort nicht. Ich schoss den Ball mit der Fussspitze, worauf der Ball irgendwohin flog und mir die Zehen weh taten. Aber alle wollten immer Fussball spielen, nicht Handball, nicht Korbball, nicht Tennis. Ich spielte Tennis, aber das nützte mir auf dem Fussballfeld weniger als nichts.

Mein Sohn hingegen konnte Fussball spielen, auch Handball. Er kann eigentlich alles, was mit Sport zu tun hat. Und seit er ein kleiner Junge war verbrachte er die meiste Zeit auf dem Fussballplatz neben der Turnhalle. Er war unermüdlich. Was auch bedeutete, dass seine Kollegen irgendwann zu müde waren, während er nicht genug kriegen konnte. Deshalb fragte er mich. Und nachdem ich ihm jahrelang die Standard-Antwort gegeben hatte, gab ich mir irgendwann einmal innerlich einen Ruck und sagte: ok, gehen wir!

Er musste mir alles beibringen. Zuerst einmal gewöhnte er mir das Schiessen mit der Fussspitze ab. Jedes Mal, wenn ich vom Schiessen müde wurde, stellte er mich ins Tor, bis ich wieder etwas Kraft gewonnen hatte. Dann übernahm er als Torhüter und ich war wieder dran mit Schiessen. Er brachte mir bei, wie man flache Bälle schiesst und wie die Halbhohen. Er lernte mich, den Ball anzunehmen. Er unterrichtete mich im Schiessen von angeschnittenen Bällen. Ich konnte mit der Zeit scharfe, schnelle Bälle schiessen und auch langsame. In die linke unter Ecke und in die rechte obere. Auch Weitschüsse. Auch erste Dribblings.

Er war und ist der geborene Fussballtrainer. Ich konnte mich noch so blöd anstellen – er ermunterte mich. Er sah präzis, was ich falsch machte und gab mir die entsprechenden Tipps. Er konnte meine Bewegungen analysieren und ausserdem gut erklären, wie ich sie verbessern könnte. Es war faszinierend! Ich begriff, wieso er ein derart guter Sportler war: Es waren nicht nur seine Beine, seine Instinkte, sein Talent, sondern auch sein Kopf. Und so änderte sich meine Standard-Antwort. 

Die neue Standard-Antwort war: ok, gehen wir! Ab dann verbrachten wir zwei Sommer lang viele, viele, viele Stunden gemeinsam auf dem Fussballplatz. Als Vater und Sohn, wobei die klugen Ratschläge vom Sohn kamen und der Vater sie umzusetzen versuchte. 

Mit der Zeit verblassten all die Jahre, in denen ich mich auf den Fussballfeldern geschämt hatte und ich begann mich auf unsere abendliche Sportstunde zu freuen. Es war ein ganzer, riesengrosser Brocken Scham, der da ausgedribbelt wurde und sich in Freude, Spass und eine wundervolle Vater-Sohn-Beziehung verwandelte.

(Luzern, Steinhofschulhaus, 2013 – 2015)

Baum sein

Baum sein

Der Meditationslehrer heisst Anand und ruckelt mit seinem Kopf, wie es so elegant und vielsagend nur Inder können. Wir liegen alle auf dem Rücken und machen Atemübungen. Auch die Hände haben wir auf die Handrücken gelegt, wie um etwas zu empfangen. Mit einem Mal geschieht es, als sei es das Selbstverständlichste: Ich bin plötzlich der Baum draussen vor der Meditationshalle. Ich stehe da als Baum, atme als Baum, bin es. Augenblicklich erschliessen sich mir auch all die komplizierten Lebensprozesse im Baum. Ich sehe, wie aus der Luft und der Sonne Energie entsteht, sehe den Mitochondrien bei der Arbeit zu, überschaue wie die Nährstoffe und das Wasser aus den Wurzeln aufsteigt und zu den Blättern fliesst.

Wie lange ich Baum bin, kann ich nicht sagen. Die Meditationsblöcke dauern normalerweise 20 – 30 Minuten. Als Anand uns auffordert wieder die Augen aufzumachen, tue ich das und verlasse mich als Baum, um wieder zurückzukehren als ich Reto.

Das war mein erstes Einheitserlebnis während einer Meditation. Ich weiss noch, wie ich dachte: aha, so ist das also. Und ich war auch etwas stolz, das mir so etwas passiert ist.

Danach dauerte es Jahre bis ich wieder ein solches Erlebnis hatte. Diese Jahre brauchte ich, um zu lernen, dass solche Erfahrungen zwar extrem eindrücklich und schön sind, dass aber das Leben nicht aus der Sammlung dieser Einheitserlebnisse besteht, sondern aus unseren Montagen und Dienstagen, Wochen, Monaten und Jahren. Sich mit jedem Montag zu verbinden ist wert- und kunstvoller als Baum zu sein.

(Lassalle-Haus, Zug, Schweiz, 2003)