Baum sein

Baum sein

Der Meditationslehrer heisst Anand und ruckelt mit seinem Kopf, wie es so elegant und vielsagend nur Inder können. Wir liegen alle auf dem Rücken und machen Atemübungen. Auch die Hände haben wir auf die Handrücken gelegt, wie um etwas zu empfangen. Mit einem Mal geschieht es, als sei es das Selbstverständlichste: Ich bin plötzlich der Baum draussen vor der Meditationshalle. Ich stehe da als Baum, atme als Baum, bin es. Augenblicklich erschliessen sich mir auch all die komplizierten Lebensprozesse im Baum. Ich sehe, wie aus der Luft und der Sonne Energie entsteht, sehe den Mitochondrien bei der Arbeit zu, überschaue wie die Nährstoffe und das Wasser aus den Wurzeln aufsteigt und zu den Blättern fliesst.

Wie lange ich Baum bin, kann ich nicht sagen. Die Meditationsblöcke dauern normalerweise 20 – 30 Minuten. Als Anand uns auffordert wieder die Augen aufzumachen, tue ich das und verlasse mich als Baum, um wieder zurückzukehren als ich Reto.

Das war mein erstes Einheitserlebnis während einer Meditation. Ich weiss noch, wie ich dachte: aha, so ist das also. Und ich war auch etwas stolz, das mir so etwas passiert ist.

Danach dauerte es Jahre bis ich wieder ein solches Erlebnis hatte. Diese Jahre brauchte ich, um zu lernen, dass solche Erfahrungen zwar extrem eindrücklich und schön sind, dass aber das Leben nicht aus der Sammlung dieser Einheitserlebnisse besteht, sondern aus unseren Montagen und Dienstagen, Wochen, Monaten und Jahren. Sich mit jedem Montag zu verbinden ist wert- und kunstvoller als Baum zu sein.

(Lassalle-Haus, Zug, Schweiz, 2003)

Der Atem von Eihei-ji

Der Atem von Eihei-ji

Wir werden um 3.20 Uhr geweckt und trippeln in den Meditationsraum. Eine halbe Stunde sitzen. Holz auf Holz klappt. Eine Glocke erklingt. Ein Gong, dann Trommeln, dann Stille.

Ich folge meinem Atem, wie Suzuki Roshi gestern Abend empfohlen hat. Einatmen 1. Ausatmen 2. Einatmen 3. Ausatmen 4. Ich folge ihm. Ab und zu höre ich den Gong, er stört mich, aber das ist unwichtig. Ich folge ihm. Der Atem dringt in mich ein und verlässt mich wieder. Ich spüre jeden Zug. Ich beobachte ihn aber auch, wie er in mich einzieht und ich beobachte wie er mich verlässt. Ich bin auch ausserhalb von mir als Beobachter. Und ich mache ganz deutlich die Erfahrung, dass der Atem auch der Atem der anderen ist. Es ist der Atem auch der Bäume. Es ist der Atem der ganzen Menschheitsgeschichte; ich atme auch Dogen, der dieses Kloster gegründet hat. Dieser Atem verbindet alles, ich bin verbunden mit allem, aber ich ist nicht nur mein Körper, sondern dieser Beobachter. Und dieser Beobachter ist ebenfalls der Atem. Ja, ja alles ist eins. Gong. Die halbe Stunde ist um.

Ich kehre nur ungern zurück. Diesen Geschmack hätte ich gerne noch ein bisschen länger  gespürt. Aber es ist auch klar geworden, dass dieser Geschmack immer da ist. In jedem Augenblick und an jedem Ort.

Eve erzählt mir später, als ich mit ihr über diese Erfahrung rede, dass man gar nicht mehr sitzen muss, weil ja die Erfahrung der Einheit immer überall ist. Man muss sie nur wahrnehmen.

Ein Kloster wie Eihei-ji, wo seit siebenhundert Jahren Zen geübt wird, macht solche Erfahrungen zugänglicher. Die Energie hier ist sehr spürbar.

Japan, 20.9.06

Die Entdeckung der Musik

Die Entdeckung der Musik

Ich sitze mit dem Rücken zum Chor auf der Kirchenbank. Es ist Allerheiligen 2017 und es wird ein göttlicher Abend. Als erstes bemerke ich, dass für dieses Konzert meine Ohrmuscheln falsch herum montiert sind. Da der Chor hinter mir auf der Empore singt, wirken meine Ohrmuscheln nicht wie Schalltrichter, sondern wie Lärmschutzwände. Ich schaue nach vorn in den leeren Kirchenraum, wo es nichts zu sehen gibt. Also schliesse ich die Augen.

Und plötzlich höre ich es: Wie die Musik nicht von den Sängerinnen und Sängern des Chors kommt, sondern durch sie hindurch fliesst. Aus etwas Tieferem entströmt sie. Ich sehe nicht woher. Ich höre nicht woher. Es sind Töne, die durch die Kehlen fliessen, von irgendwoher durch diese Kirche, diese Kehlen, durch diese meine Ohren hindurch und weiter. Als ob ich nicht dasitzen würde, fliessen sie auch durch mich hindurch. Bei dieser Art Hören verlieren meine Ohren ihre Festigkeit, meine Haut wird durchlässig, ich bin hier nicht mehr der sitzende Körper auf der Kirchbank, sondern höchstens Zwischenraum; die weite Leere zwischen den Atomen meines Körpers.

Während dem das mit mir geschieht, realisiere ich, wie der Chor hinter mir nicht Quelle, sondern Teil des Klangs ist. Ein Klang, der schon vor dem Chor war und auch nach dem Chor sein wird.

Und selbst die Quelle dieser Musik aus der Tiefe ist noch nicht die ganze Tiefe. Es ist nicht nur das «Requiem aeternam» von Maurice Duruflé, das hier ertönt, sondern hinter diesem Requiem tönt noch alle Musik von früherer Zeit. Sie quillt sozusagen in die Melodie des Aeternam hinein und wird mitgenommen.

So sitze ich mit geschlossenen Augen mehr als eine Stunde in der zweiten Reihe der Hofkirche in Luzern und halte meine Augen fast während des ganzen Requiems geschlossen. «Der Chor» singt hinten auf der Orgelempore. Die Orgel zusammen mit der Zuger Sinfonietta begleitet den Chor zusammen mit einer Mezzosopranistin, die ein wunderbares Solo gibt. Ein göttlicher Abend!

Der Bach, der durch mich hindurch fliesst

Der Bach, der durch mich hindurch fliesst

Es ist ein Selbstversuch. Wir stehen vor einem Bächlein. Es schlängelt, plätschert, fliesst durch einen Wald in den Voralpen. Wir, das ist eine kleine Gruppe, die sich auf die Natur einlassen will. Geleitet wird sie vom Land-Art-Künstler Kari Joller, der sein halbes Leben draussen in der Natur verbracht hat.

Wir verbinden einander die Augen, so gut, dass wir absolut nichts mehr sehen. Dann gehen wir einer nach der anderen auf das Bächlein zu und tasten uns dem Bachverlauf entlang, der Fliessrichtung entgegen.

Zuerst finde ich das schwierig. Ich weiss, dass vor mir jemand ist und habe Angst auf ihn aufzulaufen. Aber nach den ersten Schritten wird nicht das schwierig, sondern die Orientierung. Wo ist der Bach? Ich höre ihn, spüre aber das Wasser nicht. Ich korrigiere die Richtung und verliere die Orientierung noch mehr. Laufe ich noch bergan? Meine Hände suchen das Wasser. Und nach einer Weile finden sie es. Dran bleiben jetzt. Schritt für Schritt folge ich dem Nassen. Es ist sehr kaltes Wasser, ein Bergbach eben.

Nach einer weiteren Weile habe ich keine Ahnung mehr, wie weit ich bereits gekommen bin. Eine Zeit lang konnte ich das Bild des Baches noch aus meinem Gedächtnis abrufen, wusste, dass zuerst eine felsige Partie kommt, dann ein Gebüsch, danach ein kleiner Wasserfall. Inzwischen bin ich wohl schon über das Geschaute hinweg und taste mich dem Wasser entlang ohne ein Bild.

Es gibt nur den Boden unter den Füssen und das Wasser an den Händen. Doch ich höre auch. Und zwar ein Rauschen, wie von einem grossen Wasserfall. Grosser Wasserfall mitten im Wald? Ich taste herum, spüre den nassen Felsen. Muss jetzt klettern, klettere, glitschig, über dicke Äste hinweg, grosses Rauschen, wo? Ich merke, dass ich das Rauschen nicht mehr lokalisieren kann. Es rauscht durch mich hindurch. Ja wirklich. Das Wasser fliesst mir nicht mehr über die Finger, sondern durch sie hindurch. Ich bin im Fluss und der Fluss ist in mir. Das Bächlein fliesst durch mich hindurch als ob ich keine Körpergrenzen hätte. In diesem aufgelösten Zustand bewege ich mich weiter, werde dabei durchflossen und komme doch voran. Das geht noch eine ganze Weile so, bis ich von weit her höre, wie etwas gerufen wird; Übungsende. Ich ziehe mir die Augenbinde vom Kopf. Schaue mich um und sehe, dass ich kaum 50 Meter weit gekommen bin. Der grosse Wasserfall ist ein halber Meter hoher Stein, über den das Bächlein plätschert. Das Bächlein in mir ist mit einem Wimpernschlag verschwunden. Was bleibt ist die Erinnerung, dass Wasser durch einen hindurch fliessen kann.

„Es ist wunderbar, wie die Natur ein Teil von uns ist.

Die Sonne scheint nicht auf uns, sondern in uns.

Die Flüsse fliessen nicht an uns vorbei, sondern durch uns hindurch.“

            John Muir

(Eigenthal, Schweiz, 2008)

Ein-Griff am offenen Körper

Ein-Griff am offenen Körper

Er ist der jüngste von etwa einem Dutzend Therapeuten im Ayurvedaresort Sonnhof. Wie bei allen anderen auch lege ich mich auf die Liege und warte ab. Nach Akupressur, Akupunktur, Faszienmassage, vierhändiger Abhyanga-Massage, Ölgüssen und mehr steht jetzt Philip neben mir. Was er macht, erklärt er nicht. Er legt mir einfach die Hand auf den Bauch. Dann etwas weiter unten, knapp oberhalb des Schambeins. Dort bleibt sie liegen. Eine halbe Stunde lang.

Ich warte. Ich liege. Es bewegt sich etwas dort unten im Bauch, nicht seine Hand, etwas im Innen bewegt sich. Es fühlt sich jetzt weich an dort. Und in meinem Kopf taucht die Vorstellung auf, dass Philip mit seiner Hand in meinem Bauch ist und dort Ordnung schafft. Ich spüre, jetzt nicht im Kopf, sondern direkt dort, wie Teile von mir bewegt werden. Etwas rückt ein bisschen nach links, etwas anderes lockert sich, noch etwas anderes gleitet entspannt in seine Ruheposition. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich heilsam an. Der untere Bauch wird lebendiger und geschmeidiger.

Wie Philip das macht bleibt mir ein Rätsel. Diese Therapie hat etwas Wundersames an sich. „Viscerale Osteopathie“, nennt er das, „aber es steckt auch noch mehr drin“, ergänzt er ohne weitere Erklärung. 

(Ayurvedaresort Sonnhof, Hinterthiersee, Österreich, Mai 2017)

Die Stille von Ryoanji

Die Stille von Ryoanji

Eine der grössten Touristenattraktionen von Japan erlebe ich in vollkommener Stille. Nicht weil es heute keine Touristen hat, sondern weil sich ein Schweigen auf sie legt. Dabei besteht die Attraktion bloss aus einer Kiesfläche, 10 auf 25 Meter, mit 15 Steinen drin. Sie wurde um 1500 von einem unbekannten Mönch angelegt und ist inzwischen zum Inbegriff des japanischen Zen-Gartens geworden: Ryoanji.

Ich habe wie alle ein Ticket gekauft und die Schuhe ausgezogen. Und wenn im Zugang noch das Geplauder und Gekicher der freudigen Erwartung herumschwirrt, in einer Ecke der Reiseführer vor dem Modell des Ryoanji einer Touristengruppe den Gartenaufbau erklärt, das Licht von draussen vor der letzten Treppe fast schmerzhaft in den dunklen Gang dringt, ist mit dem einen Schritt in diesen Kiesinnenhof plötzlich alles weg.

Vor allem der Lärm. Auf dem Holzdeck entlang der Kiesfläche sitzen sie, die vorher laut waren, still, andächtig und schauen auf den geharkten Kies. Sogar die Kinder einer Schulklasse verstummen. Und ich werde ebenfalls sofort ruhig, aber vor allem innerlich. Die Ruhe strömt von diesem Zen-Garten aus mit einer solchen Kraft über das Holzdeck, dass sich ihr niemand entziehen kann. Man muss hier gar nicht feinfühlig sein, um das zu spüren.

Es ist eine Stille, die mich hält. Ich kann ihr nichts entgegensetzen. Es gibt hier kein Wort. Alle, jeder und jede ob alt oder jung versinkt im blossen Schauen. Geschaut wird aber nichts. Da sind bloss ein paar mit Moos umwachsene Steine, die lose verstreut im Kies liegen. Ich schaue also ins Leere. Nur dass diese Leere nicht schwarz ist, wie wenn man die Augen schliesst, sondern im Sonnenlicht flimmert. Und natürlich ist auch die Stille nicht so tonlos, wie wenn man einen Ohrstöpsel im Ohr hat, sondern die Holzdielen knarren leise, ab und zu vernehme ich auch ein Flüstern. Aber gerade deshalb wirkt die Leere leerer, die Stille tiefer. Leere und Fülle sind hier eins. Und ich bin ein selbstverständlicher Teil davon. Und noch besser: sie sind auch ein Teil von mir. Aussen ist wie Innen.

Das alles kommt so überraschend und schnell über mich, dass ich das Gefühl habe aus Raum und Zeit zu fallen. Dieser Zustand jenseits von Raum und Zeit dauert wahrscheinlich nur ein paar Augenblicke, ist aber so eindrücklich, dass ich ihn nie mehr vergessen werde. Ryoanji ist ein Wunder. Eine Art ausserirdischer Erscheinung. Eine Reise um die halbe Welt wert.

(Japan, 2006)