Der Bach, der durch mich hindurch fliesst

Es ist ein Selbstversuch. Wir stehen vor einem Bächlein. Es schlängelt, plätschert, fliesst durch einen Wald in den Voralpen. Wir, das ist eine kleine Gruppe, die sich auf die Natur einlassen will. Geleitet wird sie vom Land-Art-Künstler Kari Joller, der sein halbes Leben draussen in der Natur verbracht hat.

Wir verbinden einander die Augen, so gut, dass wir absolut nichts mehr sehen. Dann gehen wir einer nach der anderen auf das Bächlein zu und tasten uns dem Bachverlauf entlang, der Fliessrichtung entgegen.

Zuerst finde ich das schwierig. Ich weiss, dass vor mir jemand ist und habe Angst auf ihn aufzulaufen. Aber nach den ersten Schritten wird nicht das schwierig, sondern die Orientierung. Wo ist der Bach? Ich höre ihn, spüre aber das Wasser nicht. Ich korrigiere die Richtung und verliere die Orientierung noch mehr. Laufe ich noch bergan? Meine Hände suchen das Wasser. Und nach einer Weile finden sie es. Dran bleiben jetzt. Schritt für Schritt folge ich dem Nassen. Es ist sehr kaltes Wasser, ein Bergbach eben.

Nach einer weiteren Weile habe ich keine Ahnung mehr, wie weit ich bereits gekommen bin. Eine Zeit lang konnte ich das Bild des Baches noch aus meinem Gedächtnis abrufen, wusste, dass zuerst eine felsige Partie kommt, dann ein Gebüsch, danach ein kleiner Wasserfall. Inzwischen bin ich wohl schon über das Geschaute hinweg und taste mich dem Wasser entlang ohne ein Bild.

Es gibt nur den Boden unter den Füssen und das Wasser an den Händen. Doch ich höre auch. Und zwar ein Rauschen, wie von einem grossen Wasserfall. Grosser Wasserfall mitten im Wald? Ich taste herum, spüre den nassen Felsen. Muss jetzt klettern, klettere, glitschig, über dicke Äste hinweg, grosses Rauschen, wo? Ich merke, dass ich das Rauschen nicht mehr lokalisieren kann. Es rauscht durch mich hindurch. Ja wirklich. Das Wasser fliesst mir nicht mehr über die Finger, sondern durch sie hindurch. Ich bin im Fluss und der Fluss ist in mir. Das Bächlein fliesst durch mich hindurch als ob ich keine Körpergrenzen hätte. In diesem aufgelösten Zustand bewege ich mich weiter, werde dabei durchflossen und komme doch voran. Das geht noch eine ganze Weile so, bis ich von weit her höre, wie etwas gerufen wird; Übungsende. Ich ziehe mir die Augenbinde vom Kopf. Schaue mich um und sehe, dass ich kaum 50 Meter weit gekommen bin. Der grosse Wasserfall ist ein halber Meter hoher Stein, über den das Bächlein plätschert. Das Bächlein in mir ist mit einem Wimpernschlag verschwunden. Was bleibt ist die Erinnerung, dass Wasser durch einen hindurch fliessen kann.

„Es ist wunderbar, wie die Natur ein Teil von uns ist.

Die Sonne scheint nicht auf uns, sondern in uns.

Die Flüsse fliessen nicht an uns vorbei, sondern durch uns hindurch.“

            John Muir

(Eigenthal, Schweiz, 2008)

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