Reifeprüfung

Französisch in der Schule war Stress pur! Wie habe ich mich doch abgeplagt! Statt Élégance nur Sperrigkeit im Rachen. Statt Jonglieren im Mund nur Knoten in der Zunge. Ich konnte mir die Wörter nicht merken und das Verwenden der verschiedenen Zeitformen war immer reine Glückssache – Stichwort: Subjonctif!

Deshalb musste ich in diesem Fach richtig viel lernen. Trotzdem blieben meine Noten im Keller. Rumms eine 2. Dann wieder eine 3-4. Wenn mal ein 4-5 mit roter Tinte auf dem Test stand, war ich schon überglücklich. Und dies trotz eines tollen Lehrers, der witzig war, charmant, voller Lebensfreude und Schalk. Ich mochte ihn, auch wenn ich Französisch hasste.

Vorsprechen war das Schlimmste. Wie ein Idiot stammelte ich irgendwie irgendwas falsch betont und grammatikalisch unsinnig vor mich hin. Das Blut schoss mir ins Gesicht, die Knie waren weich. Ich war ein hoffnungsloser Fall. Bis zur Matura.

Nach sieben Jahren Gymnasialzeit. Nach sieben Jahren accent aigu, grave und circonflexe kam es zur Abschlussprüfung. Mündliche Prüfung, das hiess: alleine rein ins Zimmer und vor dem Franzlehrer und einem Experten über André Gide reden. Gide war mein Lieblingsautor, neben Camus. Ich legte mich ins Zeug, redete mich heiss, vergass, dass ich eigentlich gar kein Französisch konnte. Und mein Lehrer lächelte die ganze Zeit vor sich hin. „Gratulations Reto“, sagte er am Ende und entliess mich etwas verblüfft. Die schriftliche Prüfung war dann wieder dasselbe Desaster wie jede Französisch-Prüfung der letzten sieben Jahre. Aber dann kam der Abschlussabend, an dem die Noten bekannt gegeben wurden.

Wer nicht bestanden hatte wurde diskret vorher informiert und musste nicht an der Abschlussfeier erscheinen. In meinem Jahrgang waren das nur zwei Schüler. Alle andern sassen in der Aula. Es wurden Reden gehalten. Die Stimmung war ausgelassen. Alle freuten sich auf die Maturafeste, die die einzelnen Klassen organisiert hatten. Es ging bei diesem offiziellen Teil eigentlich nur darum, möglichst schnell das Zeugnis ausgehändigt zu bekommen, um nachher die Korken knallen zu lassen. 

Aber dann geschah das für mich Unerwartete. Ich wurde zum Zweitbesten meines Jahrgangs ausgerufen. Trotz Französisch? Ich konnte es nicht glauben! Ich betrat die Bühne um das Zeugnis abzuholen, unsicher, ob es sich nicht doch noch als Irrtum herausstellte. Aber nein, alle klatschten und ich nahm das Zeugnis und die Gratulationen des Rektors entgegen. Dann starrte ich in mein Zeugnis und da stand sie, die Note für mein Französisch: Es war keine Ungenügende, auch keine 4, sondern eine glatte 5. Ich konnte es kaum fassen! Blickte zum Französischlehrer hinüber, fragenden Auges, aber der lächelte bloss zurück. „Du hast es dir verdient“, sagte sein Blick. Und wie ein Flash rasten all die unsäglichen Tests und Noten an mir vorbei, all das Geknurze, das Unverständnis, das Leiden mit dieser Sprache, aber das Lächeln meines Französischlehrers blieb. Und es versöhnte mich mit einer ganzen Weltsprache. Dankbarkeit überflutete mich. Das ganze Maturitätszeugnis war eigentlich egal, aber diese 5 im Französisch, die bedeutete etwas. Sie öffnete das Tor zu einer anderen Kultur. Zur Grande Nation. Zu einem anderen Verständnis von Noten. Diese 5 war ein Bund fürs Leben mit einer Sprache, die mir nicht liegt, aber für die ich dankbar bin, dass es sie gibt. Und seither gehe ich gerne in dieses Land und war schon sehr oft da. Und werde bald wieder hingehen.

PS: André Gide, zum Beispiel „Der Immoralist“, habe ich auf deutsch gelesen 😉

(Matura, Sommer 77)

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