Überrascht von der Ewigkeit

Überrascht von der Ewigkeit


Lieber Freundeskreis von Ben

Ich stehe hier, weil Ben mich darum gebeten hat, zwei Tage bevor er sich auf den Weg ins Licht jenseits machte. Er wollte nicht, dass jemand seinen Lebenslauf vorliest, vielmehr sagte er, ich solle etwas über ihn erzählen, über das was er sei. Also habe ich mich gefragt, was er mir denn heute ist und in Zukunft sein wird?

Erstens ist da natürlich die Lücke. Ich habe einen Freund verloren, wie ihr alle auch. Aber schaue ich etwas genauer hin, sehe ich etwas ganz anderes: Wo er gestanden hat, ist keine Lücke, sondern ein Leuchten. Wo er gestanden hat, steht einer der aussieht wie Mahatma Gandhi, der hatte auch dieses Leuchten. Und wenn ich mich erinnere an all die Menschen, die schon an mir vorbeigezogen sind, dann muss ich sagen – so ein Leuchten habe ich noch gar nie gesehen.

Zum ersten Mal habe ich es bemerkt, als wir einander wieder einmal in der Café Bar Meridiani getroffen haben. Das war kurz bevor ihm die Ärzte sagten, dass er Metastasen habe. Wir sassen da beisammen und blinzelten in die Herbstsonne und er strahlte und strahlte wie ein kleines Kind an Weihnachten. Er erzählte mir von seinen Träumen. Wie er früher immer von langen dunklen Korridoren und schäbigen Räumen geträumt hat; abblätternde Tapeten und viele Türen von denen keiner weiss, was dahinter liegt. Jetzt sind seine Räume und Träume licht und hell, farbig, gut ausgeleuchtet und schön. 

Von da an waren unsere Treffen immer eine aussergewöhnlich freudige und Kraft spendende Erfahrung. Natürlich hatte ich jedes Mal diese Angst vor dem nächsten Telefon oder dem nächsten Besuch; so wie man halt Ängste mitbringt, wenn man sich mit einem Todkranken trifft. Aber jedes Mal vertrieb Ben diese Ängste schon bei der Umarmung mit der wir einander begrüssten. Und jedes Mal ging ich wieder von ihm weg mit der Ruhe und Gewissheit, dass alles gut war, so wie es ist. Wie mir erging es offenbar auch euch. Zum Beispiel mit Mahatma Ben in Stans im Rollstuhl. Bekannte grüssen ihn, kommen auf ihn zu. Jap, der Hotelier, bietet ihm an, dass jeder der Ben besucht gratis in seinem Motel übernachten könne. Rolf sein alter Freund begegnet ihm und sie finden in wenigen Minuten eine Tiefe ihres Gesprächs, die man sonst wenn überhaupt, nur nach längerer Zeit erreicht. Ben öffnet in diesen letzten Wochen die Türen zu den Herzen der Menschen. Und wir beide stellen fest: so wäre es eigentlich schön, so sollte es immer sein.

Er hat viel Besuch in dieser Zeit. Die Menschen kommen gern zu ihm. Es ist, als ob er ein Tor aufgestossen hat, durch das die anderen hindurchsehendürfen, er aber hindurchgehendarf.

Das war auch das letzte Mal im Spital so, als ich aus dem Tessin nach Stans gefahren kam, um ihm auf Wiedersehen zu sagen. Wir sassen oder lagen auf diesen Spitalbetten. Er machte Witze, wir umarmten einander, er war klar, voller Frieden. Und es war weitaus mehr Frieden in diesem Zimmer als sonst wo auf der Welt. Dies nicht zuletzt, dank der liebevollen Betreuung durch das Stanser Spitalteam. Es war für ihn in dieser Nacht auch klar, dass er bald hinübergehen würde und dass es dort drüben weitergeht.

Wir haben in den letzten zwei Jahren viel über den Tod miteinander geredet und viel über das Leben. Ich erinnere mich noch gut an die Spaziergänge rund um Stans und wie er Augenblick um Augenblick genossen hat. Wie schön ihm die Sonne erschienen ist, wie wertvoll jeder Baum! So viel Leben wie in seinen letzten zwei Jahren, habe er in all den vielen Jahren zuvor nicht gehabt, sagte er. Und das merkte man ihm auch an. Neben all den Schwierigkeiten nach der Operation mit Essen und Übelkeit und Schlafstörungen gesundete er, nicht am Körper, aber an Seele und Geist. Und irgendwann war er gesünder als viele von uns, mich eingeschlossen. Weil er das Leben liebte und es so nehmen konnte, wie es war.

Und deshalb möchte ich in seinem Namen sagen: Was er mir hinterlassen hat – und euch allen – ist das Leben selbst, unser Leben. Er hat uns vorgelebt, was das sein kann. Er hat uns gezeigt, wie man sich fühlt, wenn man von der Ewigkeit überrascht wird. Es ist ein Leben für den Augenblick, Tag für Tag, ganz dankbar, ganz freudig. Es ist das Leben auf einen Tod zu, wie wir alle erfahren werden, aber eben auch auf eine Ewigkeit zu. Und damit dies gelingt, so wie es ihm gelungen ist, müssen wir loslassen, ganz viel und ganz vieles. Heute lassen wir Ben los. Das heisst nicht, dass wir ihn vergessen, aber es heisst, dass wir ihn weitergehen lassen, dort wo er jetzt geht und dass wir selber weitergehen, voller Vertrauen, dass alles gut ist. Vielen Dank dafür, lieber Ben.

(geschrieben 2007 als Totenrede für meinen Freund Ben)

Weit weg am Laghetto di Pianca

Weit weg am Laghetto di Pianca

Die Freiheit hat zwei Gesichter. Das eine steht auf der Bergspitze, schaut in das weite Alpenpanorama, sieht dort im Abendrot den Monte Rosa glühen, den höchsten Gipfel der Schweiz, und fühlt sich entbunden von allem, was unten im Tal vor sich hin dämmert. Das andere schaut mich an und fragt: was willst du?

Unser Kursleiter, Bergführer, Koch und Künstler hat mich und ein paar andere zum kleinen Bergsee Laghetto di Pianca mitgenommen. Der See bedeutet ihm viel. „Es ist der schönste Platz, den ich in meinem Leben gefunden habe“, sagt er. Das Seelein liegt über dem Maggiatal im Tessin und es dauerte über sechs Stunden bis wir es erreichten, die Rucksäcke voll mit Proviant für eine Woche, mit Zelt und Schlafsack. Der Aufstieg, die Anstrengung bis an die Grenze unserer Kraft und der Schweiss waren der Preis für das erste Gesicht der Freiheit. Hier oben sind wir allein. Kein Haus, keine Strasse, nur ein Fussweg. Nicht einmal eine Telefonverbindung kommt hier zustande. Die Zivilisation und damit alle Anforderungen, Termine, Bindungen, Routinen haben wir unten im Tal gelassen. Ich spüre wie die Brust weit und der Atem frei wird. Die Luft schmeckt nach Harz und Holzfeuer und Wind. Es ist wunderbar still hier. Ab und zu zwitschert ein Vogel oder singt und wenn ich es rascheln höre, könnte es eine Schlange sein, die von mir in ihrer Ruhe oder ihrem Sonnenbad aufgescheucht wird. Das Wasser des Sees kräuselt sich nur, wenn wir selber reinsteigen; niemand anders macht hier Wellen. Und wenn ich auf den ruhigen Seespiegel blicke, sehe ich das andere Gesicht der Freiheit. Es schaut mich an und fragt: was willst du?

Eine Woche verbringe ich hier oben. Wir stehen am Morgen früh mit der Sonne auf, geweckt vom Gesang unseres Bergführers, essen etwas, bekommen einen heissen Kaffee und haben dann den ganzen Tag für uns. Am Abend kehren wir zurück ans Lagerfeuer, im Topf köchelt ein Risotto, wir essen, tauschen uns aus und gehen dann schlafen. Zum ersten Mal seit Jahren schlafe ich hier tief und fest. Und während des ganzen Tages schaut mich das zweite Gesicht an und fragt: was willst du? Ich kann auf einem Felssporn sitzen und nichts tun. Ich kann etwas gestalten mit Ästen, mit Steinen oder den uralten, gedrungenen Wacholderwurzeln. Ich kann mich ins kalte Wasser des Sees gleiten lassen und von einem Ufer zum andern schwimmen. Ich kann auf der Bergwiese in der Sonne liegen. Ich bin frei zu tun oder zu lassen, was ich will. Es ist ein Zustand, wie H.D.Thoreau ihn so gut in «Walden» beschreibt. Ungewohnt, überraschend, vor allem für mich. Wobei ich schnell merke, dass auch die zwei anderen Männer unserer kleinen Gruppe viel Mühe haben mit dieser inneren Freiheit.

Ich bin es gewohnt zu leisten, Pflichten zu erfüllen, Resultate zu liefern. Wie es mir selber dabei geht, ist weniger wichtig. Mein Selbstwert bemisst sich am Erfolg in der Welt. Dass ich es mir wert bin, selber zu entscheiden, was mir Spass und Freude macht, um das dann auch zu tun, frei und einfach weil ich ausprobieren möchte, ob es wirklich Spass macht, muss ich erst noch lernen. Ich habe keine Erfahrung damit, zu wissen, was ich wirklich will. Ich weiss nicht, was ich wirklich will. Ich weiss auch nicht, wer ich wirklich bin. 

Deshalb probiere ich einiges aus in dieser Woche, die sich als ein grosses Geschenk entpuppt. Der Kurs hier am Laghetto ist mit «Land Art» übertitelt. Das heisst, wir versuchen kreativ zu sein, mit Naturmaterialien etwas Schönes oder Wahres zu schaffen, zu spielen. Was da entsteht, kommt aus uns selber, von niemandem sonst. Unser Kursleiter begleitet uns dabei, das heisst, er kommt einmal pro Tag vorbei und fragt, ob und wie er behilflich sein kann. Dann geht es um Handwerkliches, aber meist öfter um Seelisches, um unseren Umgang mit dieser unbekannten Freiheit am See.

Das beste, was mir diese Woche gelingt, ist ein Alpenrosenbild. Ich steige vom Laghetto di Pianca hoch zum nächsten, etwas kleineren See. Das dauert eine halbe Stunde. Dort bin ich ganz allein. Dann tue ich etwas Verbotenes. Ich kneife die gesetzlich geschützten Alpenrosenblüten aus ihrem Blütenstand, sammle hunderte von ihnen und lasse sie zwischen zwei schwarz glänzenden Steinen am Seeufer zu Wasser. Es entsteht ein blutroter Blütenteppich in einem kleinen Fjord. Am Ausgang dieses Fjords klemme ich eine gebleichte Wacholderwurzel zwischen die schwarzen Steine, eine Art Brücke oder ein Tor zur offenen See. Dann mache ich ein Foto von dieser Komposition. Die Farbkontraste gefallen mir. Und beim Fotografieren bemerke ich, wie einzelne Blüten sich aus dem Teppich lösen. Sie gleiten unter dem Tor hindurch ins offene Wasser. Wahrscheinlich ist es der Wind, der sie sanft vor sich her bewegt. Hinaus in die Freiheit schwimmen sie, aus der Enge der schützenden Felsen ins offene Wasser. Ein gutes Bild.

Die Woche am Laghetto wird eine der besten meines Lebens. Einmal verbringe ich die halbe Nacht im Schlafsack unter freiem Himmel und schaue den Sternen zu, wie sie über das Firmament ziehen. Einmal kämpfen wir Männer mit schweren Stämmen eine Art Titanenkampf gegeneinander, lassen die Stämme aufeinander krachen, wieder und wieder bis wir nicht mehr können. Einmal klettere ich auf den äussersten Felssporn, setze mich dort hin und schaue abwechselnd ins Tal weit unter mir und in die Weite des Alpenpanoramas einen ganzen Morgen lang. Und immer wieder steige ich in den See und immer wieder gibt es Risotto zum Nachtessen, liebevoll zubereitet von unserem Koch und Leiter. Schon nach einem Tag legt sich eine grosse Ruhe auf uns und in uns, die uns bis zum Ende der Woche nicht mehr verlässt. Ich bin hier und bei mir angekommen. Alles ist gut.

(Laghetto di Pianca, Tessin, 2006)

(www.karijoller.ch)

Bad im Meer

Bad im Meer

Ich gehe immer unter. Wenn ich nicht strample und rudere, versinke ich im Wasser. So ist das seit ich lebe. Als Kind war das traumatisch. Ich habe mich auf der Toilette versteckt, zusammen mit einem Schulfreund, als die anderen Schwimmunterricht hatten. Und als wir entdeckt wurden, warf uns der Schwimmlehrer in hohem Bogen in den See. Davon habe ich mich jahrelang nicht erholt. Einigermassen Schwimmen lernte ich dann erst, als meine grosse Liebe mit mir eine kleine Bucht auf der Mittelmeerinsel Elba durchschwimmen wollte. Dass ich das nicht kann, konnte ich nicht zugeben in dieser frühen Verliebtheitsphase. Also bin ich hinter ihr hergeschwommen. Mit einem kleinen, aufblasbaren Ball von Nivea als Notnagel in der einen Hand. Als es unter mir so richtig tief blau wurde, musste ich meine Panik niederkämpfen, indem ich einfach stur auf die schönen Beine meiner Geliebten vor mir starrte. Und als wir dann endlich am anderen Ufer ankamen, konnte ich kaum aus dem Wasser steigen, so stark schlotterten meine Knie. Aber ab dann war der Bann gebrochen. Das Trauma überwunden.

Und kürzlich, als wir wieder einmal in Camogli an der ligurischen Küste ein paar Tage Ferien machten, stieg ich ins Wasser ohne zu Zögern oder zu Zaudern, legt mich auf die Wellen, schwamm und schwebte und hatte zum ersten Mal das sichere Gefühl, dass ich gar nicht untergehen könne. Das Wasser trug mich. Kein Strampeln mehr nötig. Ich konnte ruhige, langsame Schwimmzüge machen. Mein Atem ging regelmässig, leicht und tief. Und ich konnte mich sogar unbeweglich auf den Rücken legen und es geniessen vom Wasser getragen zu werden. So fühlt sich das also an! Ein tiefes Vertrauen in mich selbst und ins Meer stieg in mir hoch. Ich lag da auf dem Rücken in den Wellen, blinzelte zur Sonne hoch und konnte mich einfach treiben lassen.

Zuerst Liebe, dann Vertrauen und du gehst nicht mehr unter!  

(Elba, 1998 und Camogli, Liguria, Italien, Frühling 2016)

Tiefschneefahren ist wie Fliegen


Es schneit, gestern schneite es auch. Wir fahren mit den Autos zur Gondel und sind froh um unseren Vierradantrieb. Dann geht’s hinauf auf den Didamskopf im Bregenzerwald. Zuerst sehen wir nichts dort oben. Stecken in den Wolken, fahren die ersten Abfahrten fast blind. Dann reisst es auf. Die Sonne ist plötzlich in ihrer vollen Leuchtkraft da und nun sehen wir den frisch verschneiten Bergwinter in seiner ganzen Pracht. Jungfräuliche Hänge ohne eine einzige Spur überall. Alle Pisten lassen wir links liegen. Ab in den Tiefschnee. Pulverig, beinah einen Meter hoch, göttlich! Wir legen die ersten Spuren, alle von uns, es ist leicht, es ist reines Vergnügen! Der Pulverschnee hält uns und lässt uns doch frei schwingen, er gibt uns unsere Spuren und lässt uns die Linien doch selber ziehen. Es ist das absolut beste Tiefschneefahren der letzten 50 Jahre!

Und das Beste vom Besten ist der Steilhang. Dort liegt der Pulverschnee hüfttief. Der Hang ist so steil, dass man etwas Mut braucht, um oben einzusteigen. Aber heute nicht. Die Pulverschneemasse hält mich am Berg, begrenzt das Tempo und ich schwinge fast im freien Fall den steilen Hang hinunter, ohne Zwischenhalt, fast wie Fliegen fühlt es sich an. Ich flute mich mit Adrenalin und mein Herz stampft. An der Brille hängt Schnee, ich sehe fast nichts, aber das Schwingen geht auch so. Nocheinmal und nocheinmal rauf und wieder den Steilhang runter. Auch mit den Spuren drin gibt es kein Problem, so leicht ist der Schnee heut. Wir fahren, nein befliegen ihn bis zur Erschöpfung, bis zur letzten Bahn.

(Bregenzerwald, Österreich, Dezember 2013)