Jassen mit Inäni

Jassen mit Inäni

Keine Ahnung weshalb wir unsere Grossmutter «Inäni» nannten. Sie wohnte bei uns. Wir wussten, wo sie die Schokolade versteckt hielt, und sie wusste, dass wir es wussten. Ich habe sie geliebt. Ihr Wort hatte Gewicht für mich und ich erinnere mich heute noch, wie sie mir einmal entrüstet entgegenschleuderte: „Du bist ein Moloch!“ Das heisst laut Wikipedia «gnadenlose, alles verschlingende Macht». Sie gebrauchte diesen Kraftausdruck als wir zusammen Karten spielten (Jassen auf Schweizerdeutsch.) Das taten wir jeden Mittag nach dem Essen. Wahrscheinlich hatte ich eine Gewinnsträhne. Ich weiss heute noch, wie sich so etwas anfühlte – «gnadenlos» hat da durchaus seinen Platz.

Dieses rituelle Kartenspielen war Teil meines Familienerlebnisses, ebenso wie der wöchentliche Ausflug mit meinem Vater auf den Tennisplatz, jeden Samstag und fast jeden Sonntag. Diese Rituale lieferten das Gitter in dem sich der ganze Rest entfalten konnte. Dass es keine Kirchenbesuche waren, sondern Tennisplätze war typisch für diese Zeit in den 60er und 70er Jahren. Und dass es meine Grossmutter und nicht meine Mutter war, die noch jeden Tag Zeit hatte für ein Spielchen, war in der aufkommenden Frauenemanzipationsbewegung ebenso typisch.

Aber Inäni war noch in einer anderen Hinsicht beeindruckend. Sie hatte viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen, aber da war keine Bitternis, sondern eine Herzensgüte, die mir wohltat und die ich bewunderte. Ich hing an ihr und als sie eines schönen Tages 1973 vor meinen Augen umkippte – Herzstillstand – war das der erste grosse, tragische Verlust meines Lebens.

Rückblickend ist «Verlust» aber das falsche Wort. Seit Jahrzehnten trage ich meine Grossmutter in meinem Herzen. Sie ist da, so wie sie damals für mich da war. Einfach so, ohne gross Aufhebens davon zu machen.

Reifeprüfung

Reifeprüfung

Französisch in der Schule war Stress pur! Wie habe ich mich doch abgeplagt! Statt Élégance nur Sperrigkeit im Rachen. Statt Jonglieren im Mund nur Knoten in der Zunge. Ich konnte mir die Wörter nicht merken und das Verwenden der verschiedenen Zeitformen war immer reine Glückssache – Stichwort: Subjonctif!

Deshalb musste ich in diesem Fach richtig viel lernen. Trotzdem blieben meine Noten im Keller. Rumms eine 2. Dann wieder eine 3-4. Wenn mal ein 4-5 mit roter Tinte auf dem Test stand, war ich schon überglücklich. Und dies trotz eines tollen Lehrers, der witzig war, charmant, voller Lebensfreude und Schalk. Ich mochte ihn, auch wenn ich Französisch hasste.

Vorsprechen war das Schlimmste. Wie ein Idiot stammelte ich irgendwie irgendwas falsch betont und grammatikalisch unsinnig vor mich hin. Das Blut schoss mir ins Gesicht, die Knie waren weich. Ich war ein hoffnungsloser Fall. Bis zur Matura.

Nach sieben Jahren Gymnasialzeit. Nach sieben Jahren accent aigu, grave und circonflexe kam es zur Abschlussprüfung. Mündliche Prüfung, das hiess: alleine rein ins Zimmer und vor dem Franzlehrer und einem Experten über André Gide reden. Gide war mein Lieblingsautor, neben Camus. Ich legte mich ins Zeug, redete mich heiss, vergass, dass ich eigentlich gar kein Französisch konnte. Und mein Lehrer lächelte die ganze Zeit vor sich hin. „Gratulations Reto“, sagte er am Ende und entliess mich etwas verblüfft. Die schriftliche Prüfung war dann wieder dasselbe Desaster wie jede Französisch-Prüfung der letzten sieben Jahre. Aber dann kam der Abschlussabend, an dem die Noten bekannt gegeben wurden.

Wer nicht bestanden hatte wurde diskret vorher informiert und musste nicht an der Abschlussfeier erscheinen. In meinem Jahrgang waren das nur zwei Schüler. Alle andern sassen in der Aula. Es wurden Reden gehalten. Die Stimmung war ausgelassen. Alle freuten sich auf die Maturafeste, die die einzelnen Klassen organisiert hatten. Es ging bei diesem offiziellen Teil eigentlich nur darum, möglichst schnell das Zeugnis ausgehändigt zu bekommen, um nachher die Korken knallen zu lassen. 

Aber dann geschah das für mich Unerwartete. Ich wurde zum Zweitbesten meines Jahrgangs ausgerufen. Trotz Französisch? Ich konnte es nicht glauben! Ich betrat die Bühne um das Zeugnis abzuholen, unsicher, ob es sich nicht doch noch als Irrtum herausstellte. Aber nein, alle klatschten und ich nahm das Zeugnis und die Gratulationen des Rektors entgegen. Dann starrte ich in mein Zeugnis und da stand sie, die Note für mein Französisch: Es war keine Ungenügende, auch keine 4, sondern eine glatte 5. Ich konnte es kaum fassen! Blickte zum Französischlehrer hinüber, fragenden Auges, aber der lächelte bloss zurück. „Du hast es dir verdient“, sagte sein Blick. Und wie ein Flash rasten all die unsäglichen Tests und Noten an mir vorbei, all das Geknurze, das Unverständnis, das Leiden mit dieser Sprache, aber das Lächeln meines Französischlehrers blieb. Und es versöhnte mich mit einer ganzen Weltsprache. Dankbarkeit überflutete mich. Das ganze Maturitätszeugnis war eigentlich egal, aber diese 5 im Französisch, die bedeutete etwas. Sie öffnete das Tor zu einer anderen Kultur. Zur Grande Nation. Zu einem anderen Verständnis von Noten. Diese 5 war ein Bund fürs Leben mit einer Sprache, die mir nicht liegt, aber für die ich dankbar bin, dass es sie gibt. Und seither gehe ich gerne in dieses Land und war schon sehr oft da. Und werde bald wieder hingehen.

PS: André Gide, zum Beispiel „Der Immoralist“, habe ich auf deutsch gelesen 😉

(Matura, Sommer 77)

Der Federer-Effekt

Der Federer-Effekt

Plötzlich sehe ich es. 

All die Jahre, in denen ich Tennis spiele, habe ich es nicht gesehen. Jetzt ist die Sicht da. Ich stehe mit einem Freund auf dem Platz in der Tennishalle Pilatus und realisiere mit einem Mal, wie absolut unglaublich es ist, überhaupt den Ball zu treffen. Ich nehme wahr, mit welch unfassbarem Zusammenspiel aller Muskeln und Sinne er den Ball zum Service hochwirft, ihn trifft und in mein Feld spielt. Und wie in Zeitlupe verfolge ich, wie meine Augen diesen Ball fixieren und mein Gehirn gleichzeitig aus sämtlichen Rohren schiesst, um meine Muskeln dorthin zu bewegen, wo ich den Ball treffen soll. Es kommt mir ganz und gar unwirklich vor, wie so etwas, solch eine Bewegung überhaupt auszuführen ist. Und wie ich mich gleichzeitig mit allen Sinnen im Raum orientiere, die richtige Stellung zum Ball finde, aushole und den Schlag führe. Es ist ein wunderbarer Tanz. Vollkommen perfekt in sich. Es ist ein irrsinniges Zusammenfliessen und Verströmen von Energien, von Reizen, von Antworten darauf. Und alles geschieht in natürlicher Eleganz, eben wie ein Tanz. 

Man könnte auf die Idee kommen, dass das eine Erleuchtung auf dem Tennisplatz war.

Am nächsten Tag schaue ich dann Roger Federer im Fernsehen zu und habe dieses Erlebnis in abgeschwächter Form (höchstens noch 10%) nochmals.

Viel Vergnügen beim Australian Open!!

(Tennisplatz, November 2017)

Der USP von 60+

Der USP von 60+

«Loslassen». Das Wort springt mich von überall her an. Meine Freunde reden darüber, Meditationslehrer üben es ein, in den Führungsetagen von Unternehmen ist es ein grosses Thema, sogar mein Masseur spricht von «Loslassen». Offenbar bin ich in dem Jahrzehnt meines Lebens angekommen, in dem Loslassen als Titelmelodie gespielt wird. Egal ob mir die Melodie gefällt oder nicht.

Ist das «Loslassen» ein USP (unique selling point) mit 60? Etwas das wir besser können, als damals als wir 50 waren? Oder 40? Oder sollen wir doch lieber Golf spielen, Kreuzfahrten buchen, einen Hund Gassi führen, teure Autos und eine Ferienwohnung kaufen? Und uns dann fragen war’s das?

Ich zum Beispiel kann mehr sein lassen. «So wie es ist, so ist es gut.» Diesen Spruch, der als Kalligraphie seit zwanzig Jahren bei mir an der Wand hängt, kann ich langsam aber sicher akzeptieren. Ich kann mich in Frieden lassen. Ich muss weniger. Ich bin nicht mehr so getrieben, wie noch mit 50 und erst recht mit 40. Ich lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Nehme nicht mehr alles so persönlich. Auch die Welt muss ich nicht mehr retten, weil ich langsam erkenne, dass die Welt schon recht gut für sich selber schauen kann. Mein Freund, der kürzlich in China über einen grossen Platz spaziert ist, sagt: „Inmitten all der Chinesen habe ich plötzlich erkannt, wie unbedeutend ich bin. Würde jetzt ich oder irgendeiner dieser Chinesen plötzlich in einem Erdloch verschwinden, es wäre vollkommen egal.“ Das stimmt natürlich nicht, weil wir dann nicht mehr jeden Montag miteinander Kaffee trinken und philosophieren könnten; aber ich weiss, was er damit gemeint hat.

Also ab ins Kaffee oder unter die Platanen, Boule-spielen, wie es die alten Männer in Südfrankreich tun? Dummerweise wählen viele dieser Boule-spieler den Front national. Ich nicht. Und deshalb ist es nicht so einfach mit dem Loslassen. Boule-spielen ist keine Lösung. Front national wählen bedeutet eben auch: Festhalten am alten. Es bedeutet, dass man überzeugt ist, dass früher alles besser war. Dass man recht hat. Dass man eigentlich weiss, wie man es machen müsste. 

Mein neues Lebensgefühl am Anfang dieses siebten Lebensjahrzehnts ist anders. An guten Tagen stehe ich auf und bin überrascht, wie tief ich geschlafen habe. Ich erinnere mich an einen Traum und hänge ein paar Momente diesen Erinnerungen nach. Dann merke ich beim Aufstehen, dass meine Beine etwas steif sind, aber das geht in Ordnung. Ich steige die Treppe hinab, mache Frühstück für mich, freue mich, wenn eins der Kinder sich zu mir setzt, beklage mich nicht, wenn es nichts sagt, sondern einfach seine Cornflakes in sich hineinstopft. Vielleicht liefert die Sonne ein Sonnenaufgangsspektakel, vielleicht auch nicht. Und so geht es weiter. Der Tag kommt auf mich zu. Er überrascht mich. Er ärgert mich. Das Wetter ist gut oder schlecht. Ich nehme es hin. Die Schnecken im Garten haben am frisch gepflanzten Ysop geschleimt und gefressen, aber die Wegwarte steht unversehrt, gut so. Ich freue mich aufs Kaffeetrinken mit meinem Freund. Schaue kurz im Büro vorbei und erledige, was zu erledigen ist. Ich bin frei von Stress. Ich kann mit meinen Kolleginnen über Ferien plaudern, aber ich muss nicht. Ich kann meine Meinung zum neuen Geschäftsbericht sagen, sie hören mir zu, aber ob sie beherzigen, was ich von mir gebe, ist ihre Sache. Und immer wieder, während dieses ganzen, schönen, langen Tages sehe ich, was die Welt alles zu bieten hat. Und ich sehe, dass ich frei bin, mich darauf einzulassen oder auch nicht. Das ist sehr entspannt. Das fühlt sich gut und richtig an. Das hat Weite und Tiefe. An einem solchen Tag ist nichts Grossartiges erreicht worden, aber es war ein guter Tag in Frieden mit mir und der Welt.

Es gibt auch die schlechteren Tage, an denen sich der Frieden nicht einstellt, an denen ich immer noch meine, ich müsse, an denen etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe und ich damit nicht klarkomme. Tage an denen ich damit hadere, dass ich nicht wie ein junger Hund aus dem Bett springe, an denen der Rücken schmerzt und ich darunter leide. Dann bin ich nicht im Tao, zweifle an mir und der Welt, weiss nicht, was ich mit mir und der Welt anfangen und was in den nächsten zehn Jahren noch abgehen soll. Aber wenn ich an solch schlechten Tagen viel Glück habe, erkenne ich irgendwann oder vielleicht erst wenn die Nacht hereinbricht, dass auch das sein darf. Dass weder meine Frau noch meine Kinder mich weniger lieben oder mich verlassen, selbst wenn ich einen Tag lang nörgelig und unleidig war. Und dass die Welt mir am nächsten Tag genau den gleichen Strauss an Fülle und Wundern anbieten wird und ich wieder die Möglichkeit und Freiheit haben werde, dies anzunehmen oder halt nicht.

Es ist dieses neue Lebensgefühl, dass wir im siebten Jahrzehnt als USP und als Fortschritt anzubieten haben. Es ist ein Kunststück und eine Herausforderung. Das war es aber schon immer. Wenn wir die Herausforderung nicht annehmen, landen wir beim Front national, der SVP oder der AfD. Aber wenn uns das Kunststück gelingt, sehen wir die volle Weite und Tiefe des Himmels und das ist nicht nichts.

(14.11.2018)

Sein wo man ist

Sein wo man ist

Eine Zeit lang bin ich jeden Donnerstagmorgen in unseren Garten gegangen und habe dort zwanzig Minuten lang achtsam gearbeitet; mal Rosen geschnitten, mal Wege gejätet, mal Beeren angebunden, … Das hat mir sehr viel Ruhe in den Alltag gebracht. So viel, dass ich über diese stillen zwanzig Minuten ein kleines Buch geschrieben habe. «Meditatives Gärtnern» (https://www.google.com/search?client=firefox-b-ab&q=Meditatives+G%C3%A4rtnern)

Es sind kurze Texte. Einer davon ist der Folgende:

Sechs Uhr in der Früh. Der Garten ist ohne mich gewachsen in den vergangenen zwei Monaten. Das tut er, einfach so. Das Leben darin hat sich ohne mich abgespielt. Ich stand daneben, einfach so.

Jetzt versuche ich, wieder hinein zu kommen. Die Stille ist schon da, wie sie es immer ist. Sie wartet nur auf mich. Ich gehe hinein. Es hat geregnet in der Nacht. Jetzt donnert es. Ich gehe ein Stück des Weges in den Garten, atme, spüre, wie der Atem kommt und geht, aber nicht fliesst. Dann beginnt es zu tröpfeln. Das Räucherwerk, das ich in den Händen halte, darf nicht nass werden – ich gehe zurück, stelle mich unter das Garagendach, lege das Räucherwerk ins Trockene.

Nur ein warmer Sommerregen, denke ich. Den Hut habe ich vergessen. Ich trete wieder hinaus, spüre die Tropfen auf meinem Schädel, hole die Grasschere und beginne mit Gras schneiden rund um die kleine Buddhastatue aus Stein. Die Messer wetzen gegeneinander, ritsch-ratsch, schön regelmässig. Der Regen hat die Halme gebeugt, gerade so, dass ich deutlich sehen kann, wo ich zu schneiden habe. Ritsch-ratsch ist ein leises, schönes Geräusch, nicht unähnlich demjenigen einer Sichel. Ich schneide gebückt die zwei Quadratmeter, denke an die Millionen von Sicheln, die jetzt gerade, im selben Augenblick den Reis schneiden in Asien, fühle mich verbunden, vergessen ist der Regen, ritsch-ratsch.

Der Buddha kommt frei. Ich hole das tiefgelbe Tuch, das mir eine Leserin geschenkt hat, um unseren Buddha zu schmücken. Es liegt noch im Trockenen. Ich binde es ihm um die Schultern. Es ist Licht. Ich hole die Räucherstäbchen, die sie mitgegeben hat und zünde sie an, trotz Regen. Dann trete ich drei Schritte zurück und blicke ihn an. Ich weiss, dass es nicht stimmt, aber er lächelt jetzt etwas breiter, schaut etwas zufriedener, befreit von Gras und zwei Schnecken, geschmückt mit einem leuchtenden Tuch und dem süsslichen Duft seiner Heimat in der Nase.

Ich lächle auch. Es regnet trotzdem. Ich bin nass. Es ist gut so. Ich gehe zurück, putze die Grasschere und lege sie zurück in den Schrank. Jetzt ist die Achtsamkeit da. Ich spüre, wie die Streichhölzer in meiner Hosentasche gegen den Schenkel drücken, gehe nochmals zurück, um auch sie an ihren Ort zu verstauen. Und weil ich dafür nochmals in den Regen hinaustreten muss, werde ich nochmals nass und genau in diesem Augenblick bin ich verbunden mit all den vielen, die durchhalten, die Disziplin üben, die tun, was getan werden muss, ob es regnet oder schneit, auch wenn es dunkel ist und mühselig und nichts als ihre Pflicht, ihr Tun an dem Ort, an den sie hingekommen sind.

Ihnen widme ich diese Zeilen. Und ihnen wünsche ich, dass sie beschenkt werden, wie ich heute, mit einem hellen, gelben Tuch, das Licht in den Regentag bringt.

(geschrieben am 29.6.06)

Klettern heisst Spreizen

Klettern heisst Spreizen

Fontainebleau tönt nach Louis XIV, Schloss in Frankreich. Das ist es auch. Aber ums Schloss herum gibt es einen Wald. Und dieser Wald ist eine einmalige geologische Besonderheit: In ihm liegen zehntausende von grösseren und kleineren Sandsteinblöcken verstreut, die sich ideal dazu eignen, um auf ihnen herumzuklettern. «Bouldern» nennt man das. Im Wald von Fontainebleau wurde das «Bouldern» erfunden und er ist heute der Gral der Boulderwelt.

Die Felsen sind nicht hoch, sechs Meter vielleicht die grössten; die meisten kleiner. Auf fast jedem Felsen ist, oft kaum sichtbar, ein farbiger Punkt gemalt, der den Schwierigkeitsgrad des Kletterns bezeichnet. All dies ist fein säuberlich in Boulderkarten festgehalten. Man schnappt sich also so eine Karte, probiert aus, ob man orange, blau oder schwarz klettern kann und wählt dann eine orange, blaue oder schwarze Tour aus, die einen von Fels zu Fels, oft in einer Rundtour durch den Wald führt.

Bevor man zu Klettern beginnt, zieht man sich «Kletterfinken» über die Füsse. Diese Spezialschuhe sind so eng, dass es weh tut. Aber sie garantieren Halt und engsten Kontakt zwischen Fuss und Fels. Den braucht man.

Ich als Anfänger nehme mir zuerst ein paar einfache Brocken vor. Ich sehe die kleinen Vorsprünge, auf die ich stehen muss, kann den Verlauf der Kletterstufen vom Boden aus nachvollziehen, beginne hochzuklettern und stehe schon bald auf dem ersten, dann dem zweiten, dritten, vierten Brocken. Das ist jedes Mal ein Erfolgserlebnis. 

Dann wechsle ich die Farbe, klettere eine Stufe schwieriger. Die Vorsprünge werden kleiner. Die Anforderungen steigen. Oft kann ich mich nur dank meiner langen Beine und Arme hochziehen. Aber noch geht es. Noch sind die Erfolgserlebnisse häufig.

Nochmals wechsle ich die Farbe. Hier sehe ich noch einzelne Tritte, dazwischen aber ist nichts und es ist nicht klar, wie ich vom einen auf den anderen Tritt kommen soll – ich habe meine Kletterstufe gefunden: die drittleichteste Liga. Ich brauche jetzt mehrere Anläufe bis ich oben ankomme. Einzelne Felsen gehen gar nicht. Ich hänge dann dort irgendwie drin, sehe nicht, wie es weitergehen soll und muss wieder abspringen auf den Boden, um eine neue Route zu probieren. Ich komme ins Schwitzen. Ich lerne, dass ich ganz nah zum Fels gehen muss, der Bauchnabel muss über den Stein schleifen. Ich lerne von einem erfahrenen Kletterer den Satz «Klettern heisst Spreizen». Wenn manchmal kein Tritt, kein Vorsprung vorhanden ist, muss man sich irgendwie zwischen zwei Felsspalten hineinspreizen und dort Halt finden. Gar nicht einfach! Oder man klettert einer einzigen Spalte entlang und verspannt in einem Kraftakt die Arme mit der Spalte, um so hochzukommen.

Manchmal stehe ich auch vor einem Brocken, auf dessen Flanke auf den ersten Blick gar nichts zu sehen ist, kein Tritt, keine Spalte, kein Vorsprung. Erst beim Absuchen entdecke ich da und dort eine kleine Wölbung oder einen winzigen Riss. Das ist dann ganz schwierig und für mich oft nur mit Hilfe meiner Mitkletterer zu lösen, die mehr Erfahrung haben. Doch je schwieriger es wird, umso faszinierender wird es auch. Es ist wie eine Rätselaufgabe, bei der Kopf und Körper zusammenarbeiten müssen. Ganz fokussiert. Ich muss mit dem Fels verschmelzen, ihn zu mir nehmen, damit ich ihn besteigen kann. Wenn das gelingt, ist es ein herrliches Flow-Erlebnis.

(2009)

Der Jardin Majorelle von Yves Saint Laurent in Marakesh

Der Jardin Majorelle von Yves Saint Laurent in Marakesh

Ich habe hunderte von Gärten besucht, aber keiner geht verschwenderischer mit den Sinnesfreuden und mit der Lust an Farben um,  wie der Jardin Majorelle von Yves Saint Laurent in Marakesh. Zwei oder drei Stunden dort eintauchen, herumspazieren, etwas essen im Hof ist eine sich tief einprägende Erfahrung der Lebensfreude und Lebenslust.Mehr als Worte sagen die Bilder in der Galerie (siehe Sidebar), die ich von dort mitnahm.

Die Entdeckung der Hingabe „unter dem Sand“

Die Entdeckung der Hingabe „unter dem Sand“

Manchmal dauert es lang bis man das richtige Wort findet. Ich meine hier nicht Stunden oder Tage, nicht Wochen oder Monate; ich rede hier von Jahren. Und dann wie aus dem Nichts, beim Sitzen vor der Glotze, taucht es auf. Es heisst: Hingabe. Und der Film, den ich geschaut habe, trägt den Titel «Unter dem Sand». Das Entscheidende für das Wort Hingabe ist aber der Schauspieler, der dieses Wort verkörperte. Die Rede ist von Louis Hofmann. Ein deutscher Shootingstar, 21 Jahre alt, der an der Berlinale 2017 den European Young Actors Award abgeholt hat und auch 2018 eine goldene Kamera bekam. Ich habe zwei Filme am Fernsehen mit ihm gesehen – «Unter dem Sand» und «Freistatt». Einmal spielt er einen jungen deutschen Soldaten, der als Kriegsgefangener an der dänischen Küste zur Minenräumung («Unter dem Sand») eingesetzt wird; ein Film, der fast ohne Dialoge auskommt. Das andere Mal ist er ein Junge in einer Erziehungsanstalt («Freistatt»), in der Folter und Missbrauch zum Anstaltsreglement gehören. Der Film spielt in den siebziger Jahren in Niedersachsen und beruht auf wahren Begebenheiten. 

Ich war beide Male völlig gebannt und fasziniert. Was ich da sah, war für mich etwas Neues, noch nie Gesehenes. Beide Filme sind erschütternd, aber das sind viele Filme. Das Ausserordentliche bei diesen beiden Filmen war der Hauptdarsteller Hofmann, beziehungsweise seine Art zu spielen, weil er etwas in dieses Spiel bringt, was ich vorher so noch nie wahrgenommen habe – Hingabe. Hofmann hat nicht nur Talent. Er sieht nicht nur gut aus, obwohl das auch hilft. Und es ist nicht nur seine bereits beträchtliche Schauspielerfahrung (über zehn Filmeinsätze), die er sich in jungen Jahren schon angeeignet hat. Er hat auch etwas vollkommen Neues, eine Haltung oder eine neue Perspektive, die zum Leitmotiv seiner Zeit werden kann – und das ist die Hingabe.

Er agiert aus dem Augenblick. Er geht in Resonanz mit dem Momentum. Jedes Zucken des Augenlids, jedes Vertiefen seiner Grübchen beim Lachen stimmt überein mit diesem einen Augenblick, in dem es passiert. Das geht weit über das Spielen einer Rolle hinaus. Das ist viel mehr als das Befolgen von Drehbuch- und Regieanweisungen. Das ist auch nicht mehr method acting, wie es Robert de Niro praktizierte, sondern das ist eine neue Art von Schauspielkunst im neuen Jahrtausend.

Die Welt verbessern war gestern. Heute geht es darum, die Welt so zu nehmen wie sie ist. Und die einzig mögliche Haltung darin ist die Hingabe. Wie das konkret aussieht, was es bedeutet und was es eben gerade nicht bedeutet, hat Louis Hofmann in diesen zwei Filmen veranschaulicht. Vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, wahrscheinlich sogar ohne sich dessen bewusst zu sein. So wie die Jugend vieles richtig macht und immer richtig gemacht hat, ohne genau zu wissen, was dahintersteckt und welche Folgen es haben wird. Hofmann agiert im vollkommenen Vertrauen in sich undin die Welt. In beiden Filmen ist die Welt nicht einfach böse und nicht einfach gut, sondern sie ist wie sie ist. Und Hofmann bringt das Kunststück fertig, sie so zu nehmen wie sie ist. Mit einer Feinfühligkeit, die einen als Zuschauer körperlich mitnimmt. Es gelingt dem Schauspieler Hofmann die Hingabe vom Schauspieler auf den Zuschauer übergehen zu lassen. Gute Filme und gute Schauspieler haben diese Identifikation des Zuschauers mit einem Rollenbild schon immer geschafft. Manchmal ging man als kleiner Tom Cruise aus dem Kino und wollte selber die Welt wieder in Ordnung bringen; manchmal tanzte man als John Travolta aus dem Kinosaal und war prall angefüllt mit Lebenslust. Und jetzt steht man eben nach dem Film auf und hält einen neuen Schlüssel zur heutigen absurden, grossartigen, brutalen, unlogischen, fantastischen Welt in der Hand – die Hingabe. Hofmann sei Dank.

(Herbst 2015)

Wenn die Frage nach dem Sinn auftaucht, ist man bereits auf dem Holzweg

Wenn die Frage nach dem Sinn auftaucht, ist man bereits auf dem Holzweg

Zweifellos ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eine interessante Frage. Oder doch nicht? Wenn man beim Tiefschneefahren im Flow ist, taucht sie jedenfalls nicht auf. Wenn man zuhause mit Freunden oder der Familie ein ausgelassenes Fest feiert, auch nicht. Im Moment der höchsten Lust, ist sie mir noch nie begegnet. Eigentlich verliert dieses Fragezeichen seine Existenz, wann immer man oder frau im Moment lebt. Also im Hier und Jetzt. Und wer einmal zu lernen anfängt, oder zu begreifen beginnt, dass das Leben, so wie es ist, gut ist, den interessiert die Sinnfrage nicht mehr.

Wenn wir nach dem Sinn fragen, dann versuchen wir etwas zu rechtfertigen, das einer Rechtfertigung bedarf. Es macht Sinn so viel zu arbeiten, damit unsere Kinder genug zu essen und wir im Alter genug gespart haben. Es macht Sinn weniger Auto zu fahren, damit das Weltklima nicht ganz aus den Fugen gerät. Es macht Sinn fair und biologisch hergestellte Produkte einzukaufen, um die Welt etwas gerechter und die Umwelt etwas besser zu machen. In all diesen Fällen macht die Sinnfrage Sinn. All diese Fragen betreffen unsere Alltagsroutinen. Mit Alltag und Routinen beschäftigen wir uns zu 80 Prozent unserer Wachzeit. In diesen 80 Prozent unserer Wachzeit spulen wir Programme ab, erledigen wir Pflichten, erfüllen wir Vorgaben. Damit wir das überhaupt tun, brauchen wir einen Sinn. Je weniger wir das tun, also wenn wir aus den 80 Prozent 70 oder 60% Alltag machen, umso weniger müssen wir unser Handeln mit Sinn unterlegen.

Es könnte also darum gehen, bewusst die Routinen, Pflichten, Alltagsgeschäfte und –verrichtungen zu reduzieren. Mehr Zeit zu gewinnen für Situationen, in denen sich die Sinnfrage gar nicht mehr stellt. Wir gewinnen dadurch Freiheit. Und wir gewinnen dadurch mehr Möglichkeiten, uns auf den Augenblick zu konzentrieren.

Die Sinnfrage zu stellen ist also sinnvoll – überall dort, wo wir den Alltag bewältigen müssen. Es ist aber auch sinnvoll, sich mehr und mehr Freiräume zu schaffen, damit sich dieses grosse Fragezeichen immer seltener zeigt.

Nightwalk im dunklen Wald

Nightwalk im dunklen Wald


Es ist 01.30 Uhr. Ich bin zum ersten Mal zu dieser Stunde allein im Wald. Die Luft hängt voller Flieder, schwer und süss. Mir ist etwas unheimlich. Ich trete in den Wald ein. Der Weg ist gut sichtbar. Es ist weniger dunkel als ich mir vorgestellt habe. Ich höre vor allem meine Schritte und meinen Atem. Die Augen gehen gegen den Himmel, wie immer in der Nacht.

Der dunkle Wald umfängt mich mit einer ungewöhnlichen Wärme. Er ruht viel mehr als ich. Er wird auch ruhen, wenn ich gegangen bin. Er hat mehr Zeit. Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es war, als ich noch ungeboren im Bauch meiner Mutter war: warm und dunkel.

Hierin unterscheidet sich das Erlebnis deutlich von Gipfelerlebnissen in den Bergen: die sind rein und klar und erhaben; etwas für den Geist und für den Willen. Der Wald hingegen ist etwas für den Bauch. Hier im Dunkeln steigen Gefühle auf von unten, aus der Tiefe.

Es wird dunkler. Das Blätterdach über mir schliesst sich. Noch ein paar Schritte und ich sehe kaum mehr die Hand vor meinen Augen. Wie in einem Kuhmagen, denke ich. Ich tappe jetzt vorwärts. Die Unsicherheit wächst, doch nach einer kurzen Weile wird sie wieder kleiner. Wunderbar. Meine Füsse beginnen zu sehen. Meine Schritte werden sicherer. Stockdunkel ist es immer noch.

Ich bin jetzt in der Tiefe angekommen. Weitergehen. Ein seltsames Gefühl kommt hoch: Wo höre ich auf und wo beginnt der Wald? Da ich meinen Körper nicht mehr sehe, lösen sich diese Grenzen zwischen Wald und mir auf. Ich bin jetzt im Wald angekommen. Ich habe keinerlei Angst mehr. Grosses Vertrauen breitet sich aus. Mir kann nichts passieren, weder hier im Wald noch sonst wo. Alles ist gut. 

Dann tauchen zwischen Blättern und Stämmen fern wieder erste Lichter der Stadt auf. Die Ruhe zieht sich in mein Inneres zurück. Ich und der Wald sind wieder zwei. Aber ich weiss jetzt: Er wird immer da sein. Ich muss nur hineingehen.

(geschrieben 3.5.2005 nach meinem ersten Nightwalk)

Wir haben aus diesem ersten nächtlichen Spaziergang im Wald ein Projekt gemacht und nächtliche Waldspaziergänge für ein grösseres Publikum angeboten. Hier sind einige Reaktionen von Teilnehmenden:

*** «Ich laufe durch den dunklen Wald, ein Ast knackt, ein Kauz ruft, ein Frosch quakt, die Steinchen knirschen unter meinen Sohlen. Ich spüre eine Kraft, die aus dem Boden kommt, aus dem Wald, aus mir selber. Wunderschön!»

** Allein im Wald, einsam, alles dunkel um mich. Was bin ich schon, inmitten dieses grossen Etwas, das mich umgibt? Klein, unscheinbar, unwichtig. Seltsam, dieses Gefühl von Ohnmacht, obwohl doch alles so friedlich ist um mich herum…Wohin führt mein Weg? – Stille. Warten auf Antworten…Könnten doch die Mächtigen dieser Welt dieses Erlebnis mit mir teilen!! Demut fühlen vor diesem Ewigen. Zeit? Ich kann sie nicht mehr abschätzen, sie ist so unwichtig. Anderes zählt, das überdauert. Stille.

+ Zaghaft die ersten Schritte. Die Ohren eilen voraus. Doch das Knirschen unter den Schuhen bindet sie zurück – Seid still, seid still. Sie gehorchen nicht. Das Knirschen führt mich zurück zu mir, hallt um mich, wickelt mich ein – Rhythmus, Rhythmus… Rhythmus in mir öffnet die Tore für das Spüren des Waldes. Samtige Zartheit der luftigen kühlen Berührung auf den Wangen. Fühlt sich frisch und ermutigend an. Unheimlich das dunkle Etwas an meiner linken Seite. Weit und glänzend, zieht mich magisch an, bis ich “Schlagseite” in mir spüre und über die nächste Wurzel “stürchle”. Könnte es nicht endlich enden! Ungeduld, nervöses Kribbeln, wankende Schritte. Da, von rechts schlägt plötzlich ein Ast auf mich ein, oder war es nur Einbildung?! Das Ducken jedoch echt! Endlich der Senkrechte Leuchtstab – Hallo. Langsam und stetig fällt der Weg ab – Plötzlich aus der Bewegung heraus ein Hüpfen und noch eines. Kindlicher Übermut – fühle mich sicher – getragen – geborgen – möchte lachen und glucksen. Dunklere Stellen – wieder vorsichtigere Schritte – weicher Boden. Der Mond – ah – staunen – aufsaugen – Ruhe draussen und drinnen in mir  – keine Worte mehr. Wahrer Genuss.