All die Jahre, in denen ich Tennis spiele, habe ich es nicht gesehen. Jetzt ist die Sicht da. Ich stehe mit einem Freund auf dem Platz in der Tennishalle Pilatus und realisiere mit einem Mal, wie absolut unglaublich es ist, überhaupt den Ball zu treffen. Ich nehme wahr, mit welch unfassbarem Zusammenspiel aller Muskeln und Sinne er den Ball zum Service hochwirft, ihn trifft und in mein Feld spielt. Und wie in Zeitlupe verfolge ich, wie meine Augen diesen Ball fixieren und mein Gehirn gleichzeitig aus sämtlichen Rohren schiesst, um meine Muskeln dorthin zu bewegen, wo ich den Ball treffen soll. Es kommt mir ganz und gar unwirklich vor, wie so etwas, solch eine Bewegung überhaupt auszuführen ist. Und wie ich mich gleichzeitig mit allen Sinnen im Raum orientiere, die richtige Stellung zum Ball finde, aushole und den Schlag führe. Es ist ein wunderbarer Tanz. Vollkommen perfekt in sich. Es ist ein irrsinniges Zusammenfliessen und Verströmen von Energien, von Reizen, von Antworten darauf. Und alles geschieht in natürlicher Eleganz, eben wie ein Tanz.
Man könnte auf die Idee kommen, dass das eine Erleuchtung auf dem Tennisplatz war.
Am nächsten Tag schaue ich dann Roger Federer im Fernsehen zu und habe dieses Erlebnis in abgeschwächter Form (höchstens noch 10%) nochmals.
«Loslassen». Das Wort springt mich von überall her an. Meine Freunde reden darüber, Meditationslehrer üben es ein, in den Führungsetagen von Unternehmen ist es ein grosses Thema, sogar mein Masseur spricht von «Loslassen». Offenbar bin ich in dem Jahrzehnt meines Lebens angekommen, in dem Loslassen als Titelmelodie gespielt wird. Egal ob mir die Melodie gefällt oder nicht.
Ist das «Loslassen» ein USP (unique selling point) mit 60? Etwas das wir besser können, als damals als wir 50 waren? Oder 40? Oder sollen wir doch lieber Golf spielen, Kreuzfahrten buchen, einen Hund Gassi führen, teure Autos und eine Ferienwohnung kaufen? Und uns dann fragen war’s das?
Ich zum Beispiel kann mehr sein lassen. «So wie es ist, so ist es gut.» Diesen Spruch, der als Kalligraphie seit zwanzig Jahren bei mir an der Wand hängt, kann ich langsam aber sicher akzeptieren. Ich kann mich in Frieden lassen. Ich muss weniger. Ich bin nicht mehr so getrieben, wie noch mit 50 und erst recht mit 40. Ich lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Nehme nicht mehr alles so persönlich. Auch die Welt muss ich nicht mehr retten, weil ich langsam erkenne, dass die Welt schon recht gut für sich selber schauen kann. Mein Freund, der kürzlich in China über einen grossen Platz spaziert ist, sagt: „Inmitten all der Chinesen habe ich plötzlich erkannt, wie unbedeutend ich bin. Würde jetzt ich oder irgendeiner dieser Chinesen plötzlich in einem Erdloch verschwinden, es wäre vollkommen egal.“ Das stimmt natürlich nicht, weil wir dann nicht mehr jeden Montag miteinander Kaffee trinken und philosophieren könnten; aber ich weiss, was er damit gemeint hat.
Also ab ins Kaffee oder unter die Platanen, Boule-spielen, wie es die alten Männer in Südfrankreich tun? Dummerweise wählen viele dieser Boule-spieler den Front national. Ich nicht. Und deshalb ist es nicht so einfach mit dem Loslassen. Boule-spielen ist keine Lösung. Front national wählen bedeutet eben auch: Festhalten am alten. Es bedeutet, dass man überzeugt ist, dass früher alles besser war. Dass man recht hat. Dass man eigentlich weiss, wie man es machen müsste.
Mein neues Lebensgefühl am Anfang dieses siebten Lebensjahrzehnts ist anders. An guten Tagen stehe ich auf und bin überrascht, wie tief ich geschlafen habe. Ich erinnere mich an einen Traum und hänge ein paar Momente diesen Erinnerungen nach. Dann merke ich beim Aufstehen, dass meine Beine etwas steif sind, aber das geht in Ordnung. Ich steige die Treppe hinab, mache Frühstück für mich, freue mich, wenn eins der Kinder sich zu mir setzt, beklage mich nicht, wenn es nichts sagt, sondern einfach seine Cornflakes in sich hineinstopft. Vielleicht liefert die Sonne ein Sonnenaufgangsspektakel, vielleicht auch nicht. Und so geht es weiter. Der Tag kommt auf mich zu. Er überrascht mich. Er ärgert mich. Das Wetter ist gut oder schlecht. Ich nehme es hin. Die Schnecken im Garten haben am frisch gepflanzten Ysop geschleimt und gefressen, aber die Wegwarte steht unversehrt, gut so. Ich freue mich aufs Kaffeetrinken mit meinem Freund. Schaue kurz im Büro vorbei und erledige, was zu erledigen ist. Ich bin frei von Stress. Ich kann mit meinen Kolleginnen über Ferien plaudern, aber ich muss nicht. Ich kann meine Meinung zum neuen Geschäftsbericht sagen, sie hören mir zu, aber ob sie beherzigen, was ich von mir gebe, ist ihre Sache. Und immer wieder, während dieses ganzen, schönen, langen Tages sehe ich, was die Welt alles zu bieten hat. Und ich sehe, dass ich frei bin, mich darauf einzulassen oder auch nicht. Das ist sehr entspannt. Das fühlt sich gut und richtig an. Das hat Weite und Tiefe. An einem solchen Tag ist nichts Grossartiges erreicht worden, aber es war ein guter Tag in Frieden mit mir und der Welt.
Es gibt auch die schlechteren Tage, an denen sich der Frieden nicht einstellt, an denen ich immer noch meine, ich müsse, an denen etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe und ich damit nicht klarkomme. Tage an denen ich damit hadere, dass ich nicht wie ein junger Hund aus dem Bett springe, an denen der Rücken schmerzt und ich darunter leide. Dann bin ich nicht im Tao, zweifle an mir und der Welt, weiss nicht, was ich mit mir und der Welt anfangen und was in den nächsten zehn Jahren noch abgehen soll. Aber wenn ich an solch schlechten Tagen viel Glück habe, erkenne ich irgendwann oder vielleicht erst wenn die Nacht hereinbricht, dass auch das sein darf. Dass weder meine Frau noch meine Kinder mich weniger lieben oder mich verlassen, selbst wenn ich einen Tag lang nörgelig und unleidig war. Und dass die Welt mir am nächsten Tag genau den gleichen Strauss an Fülle und Wundern anbieten wird und ich wieder die Möglichkeit und Freiheit haben werde, dies anzunehmen oder halt nicht.
Es ist dieses neue Lebensgefühl, dass wir im siebten Jahrzehnt als USP und als Fortschritt anzubieten haben. Es ist ein Kunststück und eine Herausforderung. Das war es aber schon immer. Wenn wir die Herausforderung nicht annehmen, landen wir beim Front national, der SVP oder der AfD. Aber wenn uns das Kunststück gelingt, sehen wir die volle Weite und Tiefe des Himmels und das ist nicht nichts.
Eine Zeit lang bin ich jeden Donnerstagmorgen in unseren Garten gegangen und habe dort zwanzig Minuten lang achtsam gearbeitet; mal Rosen geschnitten, mal Wege gejätet, mal Beeren angebunden, … Das hat mir sehr viel Ruhe in den Alltag gebracht. So viel, dass ich über diese stillen zwanzig Minuten ein kleines Buch geschrieben habe. «Meditatives Gärtnern» (https://www.google.com/search?client=firefox-b-ab&q=Meditatives+G%C3%A4rtnern)
Es sind kurze Texte. Einer davon ist der Folgende:
Sechs Uhr in der Früh. Der Garten ist ohne mich gewachsen in den vergangenen zwei Monaten. Das tut er, einfach so. Das Leben darin hat sich ohne mich abgespielt. Ich stand daneben, einfach so.
Jetzt versuche ich, wieder hinein zu kommen. Die Stille ist schon da, wie sie es immer ist. Sie wartet nur auf mich. Ich gehe hinein. Es hat geregnet in der Nacht. Jetzt donnert es. Ich gehe ein Stück des Weges in den Garten, atme, spüre, wie der Atem kommt und geht, aber nicht fliesst. Dann beginnt es zu tröpfeln. Das Räucherwerk, das ich in den Händen halte, darf nicht nass werden – ich gehe zurück, stelle mich unter das Garagendach, lege das Räucherwerk ins Trockene.
Nur ein warmer Sommerregen, denke ich. Den Hut habe ich vergessen. Ich trete wieder hinaus, spüre die Tropfen auf meinem Schädel, hole die Grasschere und beginne mit Gras schneiden rund um die kleine Buddhastatue aus Stein. Die Messer wetzen gegeneinander, ritsch-ratsch, schön regelmässig. Der Regen hat die Halme gebeugt, gerade so, dass ich deutlich sehen kann, wo ich zu schneiden habe. Ritsch-ratsch ist ein leises, schönes Geräusch, nicht unähnlich demjenigen einer Sichel. Ich schneide gebückt die zwei Quadratmeter, denke an die Millionen von Sicheln, die jetzt gerade, im selben Augenblick den Reis schneiden in Asien, fühle mich verbunden, vergessen ist der Regen, ritsch-ratsch.
Der Buddha kommt frei. Ich hole das tiefgelbe Tuch, das mir eine Leserin geschenkt hat, um unseren Buddha zu schmücken. Es liegt noch im Trockenen. Ich binde es ihm um die Schultern. Es ist Licht. Ich hole die Räucherstäbchen, die sie mitgegeben hat und zünde sie an, trotz Regen. Dann trete ich drei Schritte zurück und blicke ihn an. Ich weiss, dass es nicht stimmt, aber er lächelt jetzt etwas breiter, schaut etwas zufriedener, befreit von Gras und zwei Schnecken, geschmückt mit einem leuchtenden Tuch und dem süsslichen Duft seiner Heimat in der Nase.
Ich lächle auch. Es regnet trotzdem. Ich bin nass. Es ist gut so. Ich gehe zurück, putze die Grasschere und lege sie zurück in den Schrank. Jetzt ist die Achtsamkeit da. Ich spüre, wie die Streichhölzer in meiner Hosentasche gegen den Schenkel drücken, gehe nochmals zurück, um auch sie an ihren Ort zu verstauen. Und weil ich dafür nochmals in den Regen hinaustreten muss, werde ich nochmals nass und genau in diesem Augenblick bin ich verbunden mit all den vielen, die durchhalten, die Disziplin üben, die tun, was getan werden muss, ob es regnet oder schneit, auch wenn es dunkel ist und mühselig und nichts als ihre Pflicht, ihr Tun an dem Ort, an den sie hingekommen sind.
Ihnen widme ich diese Zeilen. Und ihnen wünsche ich, dass sie beschenkt werden, wie ich heute, mit einem hellen, gelben Tuch, das Licht in den Regentag bringt.
Fontainebleau tönt nach Louis XIV, Schloss in Frankreich. Das ist es auch. Aber ums Schloss herum gibt es einen Wald. Und dieser Wald ist eine einmalige geologische Besonderheit: In ihm liegen zehntausende von grösseren und kleineren Sandsteinblöcken verstreut, die sich ideal dazu eignen, um auf ihnen herumzuklettern. «Bouldern» nennt man das. Im Wald von Fontainebleau wurde das «Bouldern» erfunden und er ist heute der Gral der Boulderwelt.
Die Felsen sind nicht hoch, sechs Meter vielleicht die grössten; die meisten kleiner. Auf fast jedem Felsen ist, oft kaum sichtbar, ein farbiger Punkt gemalt, der den Schwierigkeitsgrad des Kletterns bezeichnet. All dies ist fein säuberlich in Boulderkarten festgehalten. Man schnappt sich also so eine Karte, probiert aus, ob man orange, blau oder schwarz klettern kann und wählt dann eine orange, blaue oder schwarze Tour aus, die einen von Fels zu Fels, oft in einer Rundtour durch den Wald führt.
Bevor man zu Klettern beginnt, zieht man sich «Kletterfinken» über die Füsse. Diese Spezialschuhe sind so eng, dass es weh tut. Aber sie garantieren Halt und engsten Kontakt zwischen Fuss und Fels. Den braucht man.
Ich als Anfänger nehme mir zuerst ein paar einfache Brocken vor. Ich sehe die kleinen Vorsprünge, auf die ich stehen muss, kann den Verlauf der Kletterstufen vom Boden aus nachvollziehen, beginne hochzuklettern und stehe schon bald auf dem ersten, dann dem zweiten, dritten, vierten Brocken. Das ist jedes Mal ein Erfolgserlebnis.
Dann wechsle ich die Farbe, klettere eine Stufe schwieriger. Die Vorsprünge werden kleiner. Die Anforderungen steigen. Oft kann ich mich nur dank meiner langen Beine und Arme hochziehen. Aber noch geht es. Noch sind die Erfolgserlebnisse häufig.
Nochmals wechsle ich die Farbe. Hier sehe ich noch einzelne Tritte, dazwischen aber ist nichts und es ist nicht klar, wie ich vom einen auf den anderen Tritt kommen soll – ich habe meine Kletterstufe gefunden: die drittleichteste Liga. Ich brauche jetzt mehrere Anläufe bis ich oben ankomme. Einzelne Felsen gehen gar nicht. Ich hänge dann dort irgendwie drin, sehe nicht, wie es weitergehen soll und muss wieder abspringen auf den Boden, um eine neue Route zu probieren. Ich komme ins Schwitzen. Ich lerne, dass ich ganz nah zum Fels gehen muss, der Bauchnabel muss über den Stein schleifen. Ich lerne von einem erfahrenen Kletterer den Satz «Klettern heisst Spreizen». Wenn manchmal kein Tritt, kein Vorsprung vorhanden ist, muss man sich irgendwie zwischen zwei Felsspalten hineinspreizen und dort Halt finden. Gar nicht einfach! Oder man klettert einer einzigen Spalte entlang und verspannt in einem Kraftakt die Arme mit der Spalte, um so hochzukommen.
Manchmal stehe ich auch vor einem Brocken, auf dessen Flanke auf den ersten Blick gar nichts zu sehen ist, kein Tritt, keine Spalte, kein Vorsprung. Erst beim Absuchen entdecke ich da und dort eine kleine Wölbung oder einen winzigen Riss. Das ist dann ganz schwierig und für mich oft nur mit Hilfe meiner Mitkletterer zu lösen, die mehr Erfahrung haben. Doch je schwieriger es wird, umso faszinierender wird es auch. Es ist wie eine Rätselaufgabe, bei der Kopf und Körper zusammenarbeiten müssen. Ganz fokussiert. Ich muss mit dem Fels verschmelzen, ihn zu mir nehmen, damit ich ihn besteigen kann. Wenn das gelingt, ist es ein herrliches Flow-Erlebnis.
Ich habe hunderte von Gärten besucht, aber keiner geht verschwenderischer mit den Sinnesfreuden und mit der Lust an Farben um, wie der Jardin Majorelle von Yves Saint Laurent in Marakesh. Zwei oder drei Stunden dort eintauchen, herumspazieren, etwas essen im Hof ist eine sich tief einprägende Erfahrung der Lebensfreude und Lebenslust.Mehr als Worte sagen die Bilder in der Galerie (siehe Sidebar), die ich von dort mitnahm.
Manchmal dauert es lang bis man das richtige Wort findet. Ich meine hier nicht Stunden oder Tage, nicht Wochen oder Monate; ich rede hier von Jahren. Und dann wie aus dem Nichts, beim Sitzen vor der Glotze, taucht es auf. Es heisst: Hingabe. Und der Film, den ich geschaut habe, trägt den Titel «Unter dem Sand». Das Entscheidende für das Wort Hingabe ist aber der Schauspieler, der dieses Wort verkörperte. Die Rede ist von Louis Hofmann. Ein deutscher Shootingstar, 21 Jahre alt, der an der Berlinale 2017 den European Young Actors Award abgeholt hat und auch 2018 eine goldene Kamera bekam. Ich habe zwei Filme am Fernsehen mit ihm gesehen – «Unter dem Sand» und «Freistatt». Einmal spielt er einen jungen deutschen Soldaten, der als Kriegsgefangener an der dänischen Küste zur Minenräumung («Unter dem Sand») eingesetzt wird; ein Film, der fast ohne Dialoge auskommt. Das andere Mal ist er ein Junge in einer Erziehungsanstalt («Freistatt»), in der Folter und Missbrauch zum Anstaltsreglement gehören. Der Film spielt in den siebziger Jahren in Niedersachsen und beruht auf wahren Begebenheiten.
Ich war beide Male völlig gebannt und fasziniert. Was ich da sah, war für mich etwas Neues, noch nie Gesehenes. Beide Filme sind erschütternd, aber das sind viele Filme. Das Ausserordentliche bei diesen beiden Filmen war der Hauptdarsteller Hofmann, beziehungsweise seine Art zu spielen, weil er etwas in dieses Spiel bringt, was ich vorher so noch nie wahrgenommen habe – Hingabe. Hofmann hat nicht nur Talent. Er sieht nicht nur gut aus, obwohl das auch hilft. Und es ist nicht nur seine bereits beträchtliche Schauspielerfahrung (über zehn Filmeinsätze), die er sich in jungen Jahren schon angeeignet hat. Er hat auch etwas vollkommen Neues, eine Haltung oder eine neue Perspektive, die zum Leitmotiv seiner Zeit werden kann – und das ist die Hingabe.
Er agiert aus dem Augenblick. Er geht in Resonanz mit dem Momentum. Jedes Zucken des Augenlids, jedes Vertiefen seiner Grübchen beim Lachen stimmt überein mit diesem einen Augenblick, in dem es passiert. Das geht weit über das Spielen einer Rolle hinaus. Das ist viel mehr als das Befolgen von Drehbuch- und Regieanweisungen. Das ist auch nicht mehr method acting, wie es Robert de Niro praktizierte, sondern das ist eine neue Art von Schauspielkunst im neuen Jahrtausend.
Die Welt verbessern war gestern. Heute geht es darum, die Welt so zu nehmen wie sie ist. Und die einzig mögliche Haltung darin ist die Hingabe. Wie das konkret aussieht, was es bedeutet und was es eben gerade nicht bedeutet, hat Louis Hofmann in diesen zwei Filmen veranschaulicht. Vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, wahrscheinlich sogar ohne sich dessen bewusst zu sein. So wie die Jugend vieles richtig macht und immer richtig gemacht hat, ohne genau zu wissen, was dahintersteckt und welche Folgen es haben wird. Hofmann agiert im vollkommenen Vertrauen in sich undin die Welt. In beiden Filmen ist die Welt nicht einfach böse und nicht einfach gut, sondern sie ist wie sie ist. Und Hofmann bringt das Kunststück fertig, sie so zu nehmen wie sie ist. Mit einer Feinfühligkeit, die einen als Zuschauer körperlich mitnimmt. Es gelingt dem Schauspieler Hofmann die Hingabe vom Schauspieler auf den Zuschauer übergehen zu lassen. Gute Filme und gute Schauspieler haben diese Identifikation des Zuschauers mit einem Rollenbild schon immer geschafft. Manchmal ging man als kleiner Tom Cruise aus dem Kino und wollte selber die Welt wieder in Ordnung bringen; manchmal tanzte man als John Travolta aus dem Kinosaal und war prall angefüllt mit Lebenslust. Und jetzt steht man eben nach dem Film auf und hält einen neuen Schlüssel zur heutigen absurden, grossartigen, brutalen, unlogischen, fantastischen Welt in der Hand – die Hingabe. Hofmann sei Dank.
Zweifellos ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eine interessante Frage. Oder doch nicht? Wenn man beim Tiefschneefahren im Flow ist, taucht sie jedenfalls nicht auf. Wenn man zuhause mit Freunden oder der Familie ein ausgelassenes Fest feiert, auch nicht. Im Moment der höchsten Lust, ist sie mir noch nie begegnet. Eigentlich verliert dieses Fragezeichen seine Existenz, wann immer man oder frau im Moment lebt. Also im Hier und Jetzt. Und wer einmal zu lernen anfängt, oder zu begreifen beginnt, dass das Leben, so wie es ist, gut ist, den interessiert die Sinnfrage nicht mehr.
Wenn wir nach dem Sinn fragen, dann versuchen wir etwas zu rechtfertigen, das einer Rechtfertigung bedarf. Es macht Sinn so viel zu arbeiten, damit unsere Kinder genug zu essen und wir im Alter genug gespart haben. Es macht Sinn weniger Auto zu fahren, damit das Weltklima nicht ganz aus den Fugen gerät. Es macht Sinn fair und biologisch hergestellte Produkte einzukaufen, um die Welt etwas gerechter und die Umwelt etwas besser zu machen. In all diesen Fällen macht die Sinnfrage Sinn. All diese Fragen betreffen unsere Alltagsroutinen. Mit Alltag und Routinen beschäftigen wir uns zu 80 Prozent unserer Wachzeit. In diesen 80 Prozent unserer Wachzeit spulen wir Programme ab, erledigen wir Pflichten, erfüllen wir Vorgaben. Damit wir das überhaupt tun, brauchen wir einen Sinn. Je weniger wir das tun, also wenn wir aus den 80 Prozent 70 oder 60% Alltag machen, umso weniger müssen wir unser Handeln mit Sinn unterlegen.
Es könnte also darum gehen, bewusst die Routinen, Pflichten, Alltagsgeschäfte und –verrichtungen zu reduzieren. Mehr Zeit zu gewinnen für Situationen, in denen sich die Sinnfrage gar nicht mehr stellt. Wir gewinnen dadurch Freiheit. Und wir gewinnen dadurch mehr Möglichkeiten, uns auf den Augenblick zu konzentrieren.
Die Sinnfrage zu stellen ist also sinnvoll – überall dort, wo wir den Alltag bewältigen müssen. Es ist aber auch sinnvoll, sich mehr und mehr Freiräume zu schaffen, damit sich dieses grosse Fragezeichen immer seltener zeigt.
Es ist 01.30 Uhr. Ich bin zum ersten Mal zu dieser Stunde allein im Wald. Die Luft hängt voller Flieder, schwer und süss. Mir ist etwas unheimlich. Ich trete in den Wald ein. Der Weg ist gut sichtbar. Es ist weniger dunkel als ich mir vorgestellt habe. Ich höre vor allem meine Schritte und meinen Atem. Die Augen gehen gegen den Himmel, wie immer in der Nacht.
Der dunkle Wald umfängt mich mit einer ungewöhnlichen Wärme. Er ruht viel mehr als ich. Er wird auch ruhen, wenn ich gegangen bin. Er hat mehr Zeit. Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es war, als ich noch ungeboren im Bauch meiner Mutter war: warm und dunkel.
Hierin unterscheidet sich das Erlebnis deutlich von Gipfelerlebnissen in den Bergen: die sind rein und klar und erhaben; etwas für den Geist und für den Willen. Der Wald hingegen ist etwas für den Bauch. Hier im Dunkeln steigen Gefühle auf von unten, aus der Tiefe.
Es wird dunkler. Das Blätterdach über mir schliesst sich. Noch ein paar Schritte und ich sehe kaum mehr die Hand vor meinen Augen. Wie in einem Kuhmagen, denke ich. Ich tappe jetzt vorwärts. Die Unsicherheit wächst, doch nach einer kurzen Weile wird sie wieder kleiner. Wunderbar. Meine Füsse beginnen zu sehen. Meine Schritte werden sicherer. Stockdunkel ist es immer noch.
Ich bin jetzt in der Tiefe angekommen. Weitergehen. Ein seltsames Gefühl kommt hoch: Wo höre ich auf und wo beginnt der Wald? Da ich meinen Körper nicht mehr sehe, lösen sich diese Grenzen zwischen Wald und mir auf. Ich bin jetzt im Wald angekommen. Ich habe keinerlei Angst mehr. Grosses Vertrauen breitet sich aus. Mir kann nichts passieren, weder hier im Wald noch sonst wo. Alles ist gut.
Dann tauchen zwischen Blättern und Stämmen fern wieder erste Lichter der Stadt auf. Die Ruhe zieht sich in mein Inneres zurück. Ich und der Wald sind wieder zwei. Aber ich weiss jetzt: Er wird immer da sein. Ich muss nur hineingehen.
(geschrieben 3.5.2005 nach meinem ersten Nightwalk)
Wir haben aus diesem ersten nächtlichen Spaziergang im Wald ein Projekt gemacht und nächtliche Waldspaziergänge für ein grösseres Publikum angeboten. Hier sind einige Reaktionen von Teilnehmenden:
*** «Ich laufe durch den dunklen Wald, ein Ast knackt, ein Kauz ruft, ein Frosch quakt, die Steinchen knirschen unter meinen Sohlen. Ich spüre eine Kraft, die aus dem Boden kommt, aus dem Wald, aus mir selber. Wunderschön!»
** Allein im Wald, einsam, alles dunkel um mich. Was bin ich schon, inmitten dieses grossen Etwas, das mich umgibt? Klein, unscheinbar, unwichtig. Seltsam, dieses Gefühl von Ohnmacht, obwohl doch alles so friedlich ist um mich herum…Wohin führt mein Weg? – Stille. Warten auf Antworten…Könnten doch die Mächtigen dieser Welt dieses Erlebnis mit mir teilen!! Demut fühlen vor diesem Ewigen. Zeit? Ich kann sie nicht mehr abschätzen, sie ist so unwichtig. Anderes zählt, das überdauert. Stille.
+ Zaghaft die ersten Schritte. Die Ohren eilen voraus. Doch das Knirschen unter den Schuhen bindet sie zurück – Seid still, seid still. Sie gehorchen nicht. Das Knirschen führt mich zurück zu mir, hallt um mich, wickelt mich ein – Rhythmus, Rhythmus… Rhythmus in mir öffnet die Tore für das Spüren des Waldes. Samtige Zartheit der luftigen kühlen Berührung auf den Wangen. Fühlt sich frisch und ermutigend an. Unheimlich das dunkle Etwas an meiner linken Seite. Weit und glänzend, zieht mich magisch an, bis ich “Schlagseite” in mir spüre und über die nächste Wurzel “stürchle”. Könnte es nicht endlich enden! Ungeduld, nervöses Kribbeln, wankende Schritte. Da, von rechts schlägt plötzlich ein Ast auf mich ein, oder war es nur Einbildung?! Das Ducken jedoch echt! Endlich der Senkrechte Leuchtstab – Hallo. Langsam und stetig fällt der Weg ab – Plötzlich aus der Bewegung heraus ein Hüpfen und noch eines. Kindlicher Übermut – fühle mich sicher – getragen – geborgen – möchte lachen und glucksen. Dunklere Stellen – wieder vorsichtigere Schritte – weicher Boden. Der Mond – ah – staunen – aufsaugen – Ruhe draussen und drinnen in mir – keine Worte mehr. Wahrer Genuss.
Es gibt Freunde, denen kann man sogar ein Neil Diamond-Konzert zumuten. Oder eines von Reinhard Mey. Der Song «Forever in Bluejeans» ist heute zwar so etwas von out, zumal ein 77-Jähriger vor uns steht und das Lied singt, aber was soll’s. Die Freundschaft ist ebenso alt und wird mit jeder Zumutung noch fester gezurrt. Es geht um Hans. Ich habe ihn vor drei Jahren in ein Reinhard Mey-Konzert gezerrt, weil ich diesen Liedermacher einmal im Leben live sehen wollte und weil er mich mit seiner Nickelbrille und dem kurz geschorenen Haar, dem verschmitzten Lächeln, seiner Weinseligkeit und seinem absolut soliden und verlässlichen Wesen immer an meinen Freund Hans erinnert hat. Viele Lieder von Mey gehören zudem zu meinen Lieblingsliedern, vor allem wegen seiner Texte, die mal witzig, mal poetisch, immer elegant sind. Und so besuchten Hans und ich den Reinhard in der Tonhalle Zürich. Ich fand’s genial und Hans stand zu mir als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Die Retourkutsche war eines der letzten Neil Diamond-Konzerte vor seinem Rücktritt von der Bühne, zu dem mich Hans mitschleppte. „Wenn der noch Mal kommt, will ich ihn unbedingt sehen“, war seine Begründung und mir war das genug. Wir bestiegen zusammen den Zug Richtung Hallenstadion, genossen, was zu geniessen war und übersahen geflissentlich, was ein bisschen peinlich daherkam. Sowohl Mey wie Diamond haben unsere Jugend beschallt. Lang ist’s her. Aber seitdem sind wir Freunde. Durch all die Jahrzehnte hindurch. Und jedes Mal, wenn wir einander wiedersehen ist es wie ein Heimkommen.
Die Eltern von Hans sind gestorben. Das heisst, für ihn gibt es kein nach Hause kommen mehr dort. Er hat zwar noch Schwestern, aber das ist nicht das Gleiche. Und er hat mich und ich ihn, um dieses Gefühl des Heimkommens zu zelebrieren. Wir tun jeweils nicht viel, wenn wir einander sehen. Eine kleine Wanderung, ein gemeinsames Essen oder eben ein Konzertbesuch. Wir müssen diese Freundschaft nicht weiterentwickeln, sondern einfach immer mal wieder zu ihr zurückkehren. Vom Meer her, das manchmal stürmisch ist, anlanden auf dieser Freundschaftsinsel, die immer dort steht, wie der Fels in der Brandung seit jeher. Diese Wiedersehen gehören zu den ruhigsten und entspanntesten Stunden meines Lebens. Da ist nichts, was gemusst wird, nichts, das gezeigt werden könnte, nur da sein und einander versichern, dass man immer noch da ist. Das reicht vollkommen.
(Freundschaft mit Hans, 1968 – …)
Hier ist der Text meines Lieblingsliedes von Reinhard Mey. Es geht um’s nach Hause kommen:
Viertel vor Sieben (Reinhard Mey)
Dunkle Regenwolken sind aufgezogen,
Die Dämmerung fällt auf einmal ganz schnell.
Überm Stahlwerk flackert blau der Neonbogen,
Die Fenster im Ort werden hell.
„Wo hast du dich nur wieder rumgetrieben,
Zieh die klatschnassen Schuh‘ erstmal aus!“
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!
Und es soll Sonnabend sein und es soll Topfkuchen geben
Und der soll schon auf dem Küchentisch stehn
Und eine Kanne Kakao und meine Tasse daneben
Und ich darf die braune Backform umdrehn.
Schokoladenflocken mit der Raspel gerieben
In der Schaumkrone meines Kakaos.
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!
Ein Brief zwischen Zeitung und Werbung im Kasten
Erschüttert dein Fundament:
Anna und Hans, die so gut zusammenpaßten,
Haben sich einfach getrennt.
Wie hast du sie beneidet, zwei, die sich so lieben!
Und plötzlich ist doch alles aus.
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!
Und Vater soll im Wohnzimmer Radio hör´n
In den steinalten Grundig versenkt.
Und die Haltung sagt mir: Bloß jetzt nicht stören!
Und wenn er den Blick auf mich lenkt,
Mit der vorwurfsvoll‘n Geste die Brille hochschieben,
„Menschenskind, wie siehst du wieder aus!“
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!
Das Fell wird dünner und leerer der Becher,
Der Zaubertrank wirkt nur noch schwer.
Der Kummer ist tiefer, der Trost scheint schwächer,
Und es heilt nicht alles mehr.
Wo ist meine Sorglosigkeit geblieben,
Was machte Erkenntnis daraus?
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Und ich wünschte, ich käme nach Haus!
Nur einen Augenblick noch mal das Bündel ablegen
Und mit argslosem Übermut,
Durch dunkle Wege, der Zuflucht entgegen
Und glauben können: Alles wird gut!
Manchmal wünscht‘ ich, die Dinge wär‘n so einfach geblieben
Und die Wege gingen nur gradeaus,
Manchmal wünscht‘ ich, es wär‘ noch mal viertel vor sieben
Ich bin kein Feinschmecker, aber dieses Hirschfilet von Ueli macht Essen zu etwas Neuem. Ueli trägt Bart und sieht aus wie ein Bergler. Das ist er auch. Sein Restaurant liegt im Rocksresort in Laax, in den Schweizer Alpen und heisst «Grandis». Viel Holz im Innern, rustikale, aber moderne Formen. Eine grosse Vinothek und vor allem: die offene Küche mit dem Holzfeuer, um das sich alles dreht und das man fast von jedem Tisch aus im Auge hat.
Auf diesem Feuer wird das Hirschfilet, die Spezialität des Hauses, grilliert. Dazu servieren sie Polenta und ein bisschen Gemüse. Auch der auserlesene Rotwein gehört zum Gesamtbouquet. Genauso wie der aufmerksame, fast familiäre Service.
Schon beim Ansetzen des Messers auf das Fleisch spüre ich, wie zart es sein wird. Und dann genügt ein einziger, weicher Schnitt, um den Bissen abzutrennen. Kann Fleisch so zart sein, fährt es mir überrascht durch den Kopf? Doch dann liegt das Stück bereits auf der Zunge – und es zergeht! Es zerfliesst in meinem Mund und der Geschmack von Holzfeuer, Wildnis in den Wäldern, Bergluft und röhrender Kraft des Hirsches entfaltet sich zuerst in meinem Gaumen, dann in meinem ganzen Kopf. Wow! Einen Moment fühlt es sich an wie ein Drogentrip. Und meiner Frau, die mir gegenübersitzt, ergeht es genau gleich; ihre Augen weiten sich und über ihr Gesicht legt sich Entzückung. „Ist das gut!!!!!“.
Wir essen weiter und merken, wie sich die Polenta wie eine Bassnote unter den Hirsch legt und ihm Boden gibt. Die Polenta ist sämig und die kleinen Maisstücke darin sind fest und geben Halt, damit das Hirschfilet noch markanter zerfliessen kann.
Und die Gemüse würzen und bringen das Herbale der Bergwiesen ins Spiel. Wir kommen nicht aus dem Staunen und Geniessen raus. Jeder einzelne Bissen ist ein Erlebnis. Und der Teller leert sich viel zu schnell. Aber auch hier beweist Ueli, dass er etwas vom Handwerk versteht: Die Portionen sind exakt von richtiger Grösse, damit keine Schwere im Bauch entsteht und sich diese Bergnaturerfahrung auch im Bauch weiter entfalten kann.
Auf dem kurzen Heimweg vom «Grandis» in unsere Wohnung geschieht dann das, was ich so noch nie erlebt habe: Vom Bauch aus verbreitet sich eine Harmonie in meinem Körper, so dass sich der Körper anfühlt wie ein einziger Klang. Und kaum habe ich diesen Klang wahrgenommen, weitet er sich über meinen Körper hinaus und erfasst den Boden unter mir, die Hauswand neben mir, die ganze Bergwelt um mich herum. Ich spaziere in einem einzigen schönen Klang und das Instrument dafür ist mein Bauch. Ich kann den Klang halten bis ins Treppenhaus und bis fast vor die Wohnungstür, dann verebbt er wieder, zieht sich in meinen Körper zurück, bleibt dort noch als Harmonie bis ich einschlafe und ist als Erinnerung auch heute noch präsent.