Die Entdeckung der Hingabe „unter dem Sand“

Die Entdeckung der Hingabe „unter dem Sand“

Manchmal dauert es lang bis man das richtige Wort findet. Ich meine hier nicht Stunden oder Tage, nicht Wochen oder Monate; ich rede hier von Jahren. Und dann wie aus dem Nichts, beim Sitzen vor der Glotze, taucht es auf. Es heisst: Hingabe. Und der Film, den ich geschaut habe, trägt den Titel «Unter dem Sand». Das Entscheidende für das Wort Hingabe ist aber der Schauspieler, der dieses Wort verkörperte. Die Rede ist von Louis Hofmann. Ein deutscher Shootingstar, 21 Jahre alt, der an der Berlinale 2017 den European Young Actors Award abgeholt hat und auch 2018 eine goldene Kamera bekam. Ich habe zwei Filme am Fernsehen mit ihm gesehen – «Unter dem Sand» und «Freistatt». Einmal spielt er einen jungen deutschen Soldaten, der als Kriegsgefangener an der dänischen Küste zur Minenräumung («Unter dem Sand») eingesetzt wird; ein Film, der fast ohne Dialoge auskommt. Das andere Mal ist er ein Junge in einer Erziehungsanstalt («Freistatt»), in der Folter und Missbrauch zum Anstaltsreglement gehören. Der Film spielt in den siebziger Jahren in Niedersachsen und beruht auf wahren Begebenheiten. 

Ich war beide Male völlig gebannt und fasziniert. Was ich da sah, war für mich etwas Neues, noch nie Gesehenes. Beide Filme sind erschütternd, aber das sind viele Filme. Das Ausserordentliche bei diesen beiden Filmen war der Hauptdarsteller Hofmann, beziehungsweise seine Art zu spielen, weil er etwas in dieses Spiel bringt, was ich vorher so noch nie wahrgenommen habe – Hingabe. Hofmann hat nicht nur Talent. Er sieht nicht nur gut aus, obwohl das auch hilft. Und es ist nicht nur seine bereits beträchtliche Schauspielerfahrung (über zehn Filmeinsätze), die er sich in jungen Jahren schon angeeignet hat. Er hat auch etwas vollkommen Neues, eine Haltung oder eine neue Perspektive, die zum Leitmotiv seiner Zeit werden kann – und das ist die Hingabe.

Er agiert aus dem Augenblick. Er geht in Resonanz mit dem Momentum. Jedes Zucken des Augenlids, jedes Vertiefen seiner Grübchen beim Lachen stimmt überein mit diesem einen Augenblick, in dem es passiert. Das geht weit über das Spielen einer Rolle hinaus. Das ist viel mehr als das Befolgen von Drehbuch- und Regieanweisungen. Das ist auch nicht mehr method acting, wie es Robert de Niro praktizierte, sondern das ist eine neue Art von Schauspielkunst im neuen Jahrtausend.

Die Welt verbessern war gestern. Heute geht es darum, die Welt so zu nehmen wie sie ist. Und die einzig mögliche Haltung darin ist die Hingabe. Wie das konkret aussieht, was es bedeutet und was es eben gerade nicht bedeutet, hat Louis Hofmann in diesen zwei Filmen veranschaulicht. Vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, wahrscheinlich sogar ohne sich dessen bewusst zu sein. So wie die Jugend vieles richtig macht und immer richtig gemacht hat, ohne genau zu wissen, was dahintersteckt und welche Folgen es haben wird. Hofmann agiert im vollkommenen Vertrauen in sich undin die Welt. In beiden Filmen ist die Welt nicht einfach böse und nicht einfach gut, sondern sie ist wie sie ist. Und Hofmann bringt das Kunststück fertig, sie so zu nehmen wie sie ist. Mit einer Feinfühligkeit, die einen als Zuschauer körperlich mitnimmt. Es gelingt dem Schauspieler Hofmann die Hingabe vom Schauspieler auf den Zuschauer übergehen zu lassen. Gute Filme und gute Schauspieler haben diese Identifikation des Zuschauers mit einem Rollenbild schon immer geschafft. Manchmal ging man als kleiner Tom Cruise aus dem Kino und wollte selber die Welt wieder in Ordnung bringen; manchmal tanzte man als John Travolta aus dem Kinosaal und war prall angefüllt mit Lebenslust. Und jetzt steht man eben nach dem Film auf und hält einen neuen Schlüssel zur heutigen absurden, grossartigen, brutalen, unlogischen, fantastischen Welt in der Hand – die Hingabe. Hofmann sei Dank.

(Herbst 2015)

Überrascht von der Ewigkeit

Überrascht von der Ewigkeit


Lieber Freundeskreis von Ben

Ich stehe hier, weil Ben mich darum gebeten hat, zwei Tage bevor er sich auf den Weg machte. Er wollte nicht, dass jemand seinen Lebenslauf vorliest, vielmehr sagte er, ich solle etwas über ihn erzählen, über das was er sei. Also habe ich mich gefragt, was er mir denn heute ist und in Zukunft sein wird?

Erstens ist da natürlich die Lücke. Ich habe einen Freund verloren, wie ihr alle auch. Aber schaue ich etwas genauer hin, sehe ich etwas ganz anderes: Wo er gestanden hat, ist keine Lücke, sondern ein Leuchten. Wo er gestanden hat, steht einer der aussieht wie Mahatma Gandhi, der hatte auch dieses Leuchten. Und wenn ich mich erinnere an all die Menschen, die schon an mir vorbeigezogen sind, dann muss ich sagen – so ein Leuchten habe ich noch gar nie gesehen.

Zum ersten Mal habe ich es bemerkt, als wir einander wieder einmal in der Café Bar Meridiani getroffen haben. Das war kurz bevor ihm die Ärzte sagten, dass er Metastasen habe. Wir sassen da beisammen und blinzelten in die Herbstsonne und er strahlte und strahlte wie ein kleines Kind an Weihnachten. Er erzählte mir von seinen Träumen. Wie er früher immer von langen dunklen Korridoren und schäbigen Räumen geträumt hat; abblätternde Tapeten und viele Türen von denen keiner weiss, was dahinter liegt. Jetzt sind seine Räume und Träume licht und hell, farbig, gut ausgeleuchtet und schön. 

Von da an waren unsere Treffen immer eine aussergewöhnlich freudige und Kraft spendende Erfahrung. Natürlich hatte ich jedes Mal diese Angst vor dem nächsten Telefon oder dem nächsten Besuch; so wie man halt Ängste mitbringt, wenn man sich mit einem Todkranken trifft. Aber jedes Mal vertrieb Ben diese Ängste schon bei der Umarmung mit der wir einander begrüssten. Und jedes Mal ging ich wieder von ihm weg mit der Ruhe und Gewissheit, dass alles gut war, so wie es ist. Wie mir erging es offenbar auch euch. Zum Beispiel mit Mahatma Ben in Stans im Rollstuhl. Bekannte grüssen ihn, kommen auf ihn zu. Jap der Hotelier bietet ihm an, dass jeder der Ben besucht gratis in seinem Motel übernachten könne. Rolf sein alter Freund begegnet ihm und sie finden in wenigen Minuten eine Tiefe ihres Gesprächs, die man sonst wenn überhaupt, nur nach längerer Zeit erreicht. Ben öffnet in diesen letzten Wochen die Türen zu den Herzen der Menschen. Und wir beide stellen fest: so wäre es eigentlich schön, so sollte es immer sein.

Er hat viel Besuch in dieser Zeit. Die Menschen kommen gern zu ihm. Es ist, als ob er ein Tor aufgestossen hat, durch das die anderen hindurchsehendürfen, er aber hindurchgehendarf.

Das war auch das letzte Mal im Spital so, als ich aus dem Tessin nach Stans gefahren kam, um ihm auf Wiedersehen zu sagen. Wir sassen oder lagen auf diesen Spitalbetten. Er machte Witze, wir umarmten einander, er war klar, voller Frieden. Und es war weitaus mehr Frieden in diesem Zimmer als sonst wo auf der Welt. Dies nicht zuletzt, dank der liebevollen Betreuung durch das Stanser Spitalteam. Es war für ihn in dieser Nacht auch klar, dass er bald hinübergehen würde und dass es dort drüben weitergeht.

Wir haben in den letzten zwei Jahren viel über den Tod miteinander geredet und viel über das Leben. Ich erinnere mich noch gut an die Spaziergänge rund um Stans und wie er Augenblick um Augenblick genossen hat. Wie schön ihm die Sonne erschienen ist, wie wertvoll jeder Baum! So viel Leben wie in seinen letzten zwei Jahren, habe er in all den vielen Jahren zuvor nicht gehabt, sagte er. Und das merkte man ihm auch an. Neben all den Schwierigkeiten nach der Operation mit Essen und Übelkeit und Schlafstörungen gesundete er, nicht am Körper, aber an Seele und Geist. Und irgendwann war er gesünder als viele von uns, mich eingeschlossen. Weil er das Leben liebte und es so nehmen konnte, wie es war.

Und deshalb möchte ich in seinem Namen sagen: Was er mir hinterlassen hat – und euch allen – ist das Leben selbst, unser Leben. Er hat uns vorgelebt, was das sein kann. Er hat uns gezeigt, wie man sich fühlt, wenn man von der Ewigkeit überrascht wird. Es ist ein Leben für den Augenblick, Tag für Tag, ganz dankbar, ganz freudig. Es ist das Leben auf einen Tod zu, wie wir alle erfahren werden, aber eben auch auf eine Ewigkeit zu. Und damit dies gelingt, so wie es ihm gelungen ist, müssen wir loslassen, ganz viel und ganz vieles. Heute lassen wir Ben los. Das heisst nicht, dass wir ihn vergessen, aber es heisst, dass wir ihn weitergehen lassen, dort wo er jetzt geht und dass wir selber weitergehen, voller Vertrauen, dass alles gut ist. Vielen Dank dafür, lieber Ben.

(geschrieben 2007 als Totenrede für meinen Freund Ben)